Von Lothar Wolf

West-Berlin

Als Lea Rosh 1985 die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Liga für Menschenrechte überreicht bekam, saßen im Auditorium neben prominenten Gästen auch Schüler und Lehrer und beklatschten eine couragierte Journalistin, die – so Heinrich Albertz damals in seiner Laudatio – „unbeirrt von allen Schönrednern und Lächlern und Aussitzern uns über die Jahre hin mit der Nase auf all das gestoßen hat, was stinkt...“. Kritischer Journalismus als pädagogische Instanz?

In der Berliner Pflichtschule sind diesem Gedanken jedoch administrative Grenzen gesetzt. Ein Lehrer, der etwa einen der wichtigsten Filme der geehrten Preisträgerin, „Das lustige Zigeunerleben – Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland“, in seinem Unterricht zeigt, riskiert ein Disziplinarverfahren. Ein roter Stempel auf der Filmbüchse gilt gleichsam als dienstliche Anweisung der obersten Schulbehörde: „Für die Verwendung im Unterricht der Berliner Schule nicht zugelassen!“

Mit der Herausgabe der neuen Bestandsübersicht der Landesbildstelle Berlin im Juni 1988 stand für jedermann schwarz auf weiß zu lesen, was bisher nur partiell an die Öffentlichkeit drang: Fast zwei Dutzend Filme tragen diesen Sperrvermerk. Viele wurden mit wichtigen Preisen geehrt und von ganz unterschiedlichen Institutionen empfohlen; die Palette reicht von der Jury der Katholischen Filmarbeit bis zur Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden. Vor allem politisch brisante Themenbereiche, etwa Ausländer, Umwelt/Ökologie, Atomenergie und Atomkrieg sind betroffen. Gesperrt wurde ohne Angabe von Gründen bei Neuanschaffungen ab 1982: Seit dieser Zeit befindet eine siebenköpfige anonyme Kommission von Oberschulräten im Hause der zuständigen Senatorin für Schulwesen, Berufsausbildung und Sport, Hanna-Renate Laurien, über die schulische Eignung der von der Landesbildstelle angeschafften Medien.

Im Oktober nahm sich der SPD-Abgeordnete Horst-Achim Kern der Sache an und verlangte in einer Kleinen Anfrage im Abgeordnetenhaus der Stadt Aufklärung über die Gründe der Nichtzulassung von 17 namentlich genannten Filmen. Zum „lustigen Zigeunerleben“ heißt es in der Antwort der Schulsenatorin: „Der Film läßt bei Schülern das Mißverständnis zu, die Bundesrepublik könne mit dem nazistischen Unrechtsstaat gleichgesetzt werden.“ Weitere Beispiele: Die „besonders grausamen Bilder“ in Erwin Lesers „Hiroshima – Erinnern und Verdrängen“ schlössen eine Verwendung in Schulklassen aus. Der Film „Überleben? Über die Wirkung der Atombombe“ – eine Produktion der BBC, empfohlen unter anderen von den Landesjugendbehörden und dem Institut Jugend, Film, Fernsehen, 1985 ausgezeichnet als „am besten geeigneter Film“ von der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz und des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik – wurde abgelehnt mit der Begründung, „die Bilder erzeugen Angst und führen zur Resignation und zur Hilflosigkeit“.

Der Film „Ich – Deutsche Behörde“ von Ezra Gerhardt und Alf Böhmen – er erhielt das Prädikat „besonders wertvoll“ der Filmbewertungsstelle und das „Filmband in Silber“ des Bundesinnenministeriums 1982 – wurde mit der Begründung nicht zugelassen, er werde „dem Problem ’Ausländer/Asylanten’ in keiner Weise gerecht“. Er verwirre „eher, als daß er informiert“. Der Film „Der Türke kann gehen“ von Horst Röper, produziert für das Schulfernsehen des WDR, sei „nicht geeignet zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Ausländern“. Oder: Der Film „Dschungelburger – Hackfleischordnung international“ von Peter Heller, ausgezeichnet mit drei Preisen und mehrfach empfohlen, suggeriere, bestimmte Konsumgewohnheiten in den USA und in der Bundesrepublik führten zum Abholzen des Urwaldes in Costa Rica. Der Kommentar sei nicht sachlich, sondern agitatorisch.