In Marokko wird ein sozialistischer Politiker ermordet, in Algerien verschanzen sich Fromme in einer Moschee und töten einen Polizisten, in Tunesien werden Fastenbrecher mit Salzsäure überschüttet, während in Touristenhotels Bomben explodieren. Nicht nur im Orient, sondern jetzt auch im arabischen Westen, von Mauretanien bis Libyen, sind religiöse Eiferer am Werk, die ihre Völker zum wahren Islam zurückführen und den Einfluß Europas zurückdrängen wollen.

Im Kolonialzeitalter war der Maghreb besonders eng mit europäischem Denken und europäischer Zivilisation in Berührung gekommen. Marokko war über 40 Jahre spanischfranzösisches Protektorat, Tunesien während 75 Jahren französisches, bevor beide Länder 1956 unabhängig wurden. Algerien galt als französisches Staatsgebiet; eine Million Europäer lebten dort neben neun Millionen Algeriern, als 1954 der Befreiungskrieg ausbrach und nach unbeschreiblichen Opfern 1962 zur nationalen Unabhängigkeit führte.

Doch trotz des starken Einflusses blieben die Gesellschaften des Maghreb stets von ihrer eigenen Religion geprägt: dem sunnitischen Islam. Der spielte bereits im Widerstand gegen die Kolonisatoren eine wichtige Rolle. Und als die Staaten des Maghreb unabhängig wurden, war das Bekenntnis zum Islam als Staatsreligion geradezu selbstverständlich – Re-Islamisierung sozusagen als letzte Etappe der Entkolonialisierung. Für sie bestand zwischen den ideologischen Programmen wie Liberalismus oder Sozialismus und dieser Rückbesinnung auf den Islam kein Widerspruch. So proklamierte Algerien einen spezifischen Weg zum Sozialismus – und war gleichwohl auf den Islam verpflichtet. Nicht einmal die Kommunistischen Parteien in Marokko und Tunesien geben sich atheistisch.

In den Staaten des Maghreb kann nur ein Muslim Staatsoberhaupt sein (der marokkanische König als Führer der Gläubigen ist auch geistliches Oberhaupt seines Landes). Die Regierungen unterhalten Behörden für religiöse Angelegenheiten, bilden den Klerus aus und besolden ihn, bauen Moscheen, organisieren die Pilgerfahrt nach Mekka und lassen Religion an den Schulen lehren. Nur Marokko und Tunesien blieben bei der kolonialen Regelung des wöchentlichen Feiertags, also Sonntag statt Freitag.

Besonders deutlich prägt der Islam das Familien- und Erbrecht. Selbst in Tunesien, das sich am weitesten in Richtung Frauenemanzipation vorwagte, erbt nach wie vor der Mann doppelt soviel wie die Frau. Einer Muslimin ist die Heirat mit einem Nichtmuslim untersagt – umgekehrt besteht das Verbot nicht. In Marokko und im vermeintlich sozialistischen Algerien gibt es, wenn auch eingegrenzt, nach wie vor die Mehrehe.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit, selbst in Hauptstädten wie Algier, hat sich nicht sozialistisch verändert, sondern blieb islamisch geprägt. Heute mehr als vor 20 Jahren spürt das jede Ausländerin, die ohne männliche Begleitung abseits der Touristenviertel unterwegs ist und nach einem Kaffee verlangt, weil sie der lautsprecherverstärkte Gebetsrufer allzu früh aus dem Schlaf gerissen hat. In den Cafés, wenn sie sich denn hineintraut, ist sie von meist unfreundlich starrenden Männern umgeben; eine Geschlechtsgenossin sucht sie vergeblich. Und im Restaurant plaziert der Kellner sie am Katzentisch, auch wenn alle anderen Tische noch frei sind. Bald reagiert sie allergisch gegen alles, was schwarzhaarig und schnauzbärtig ist.

Zum wiederbelebten Islam hinzu kam Ende der sechziger Jahre der radikal politische Islam, und der ist merklich stärker geworden. Seine Vertreter, die Islamisten – in der westlichen Presse auch häufig als Integristen oder Fundamentalisten bezeichnet –, streben die Macht im Staat an, die Extremen unter ihnen auch mit Gewalt. Durch Einführung des islamischen Rechts und genaue Befolgung der religiösen Vorschriften wollen sie alle Probleme des modernen Lebens lösen, den Materialismus und den Sittenverfall – besonders unter den Frauen – aufhalten, Imperialismus und Zionismus bekämpfen und der Gemeinschaft der Muslime wieder zur Weltgeltung verhelfen.