Im sozialistischen Modell-Staat Algerien hören die Massen lieber auf die Mullahs

Von Joachim Fritz-Vannahme

In Algiers Kleineleuteviertel Bab-el-Oued ducken sich die Gläubigen auf ihrem Weg zur Moschee Al Sünna. Zum Abendgebet finden Hunderte, ja Tausende keinen Platz mehr im Innern des schmucklosen, unfertigen Neubaus. Sie werden ihre Gebetsteppiche auf geplatztem Asphalt ausrollen, in gleichförmigen Wellen ihre Rücken beugen, die Stirn zu Boden und das Haupt gen Mekka neigen. Djellaba und Hejab, die weiten Gewänder der Nordafrikaner, fehlen im Bild dieser Andacht sowenig wie Jeans und T-Shirt oder Schador und wohlgestutzter Vollbart. "Es werden jede Woche mehr. Die Leute kommen selbst aus den Vorstädten bis hierher", erklärt unser Begleiter Hocine. Der schnauzbärtige Student und gläubige Moslem wagt sich, den ungläubigen Reporter im Windschatten, an diese Moschee nicht näher heran. "Den weiten Weg gehen die Leute nur für den Imam Ali Benhadj. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, hat der Imam gesagt. Und die Regierung mache alles falsch und alles noch schlimmer, predigt der Imam. Er fordert Gerechtigkeit und trifft damit hier natürlich auf offene Ohren."

Hocine weist nach oben, auf die zerschlissenen Sonnensegel vor den offenen Fenstern, auf die Wohnungen hinter den leprösen Fassaden. "Meine Schwester lebt in Bab-el-Oued mit sieben Kindern in einem einzigen Zimmer. Im letzten Sommer kam aus dem Wasserhahn kein einziger Tropfen, vier Wochen ohne Wasser!" Das Gedränge der Gläubigen wird dichter; "Allahu akbar, Allah ist groß", dröhnt es aus dem Lautsprecher der Moschee. Das Gebet beginnt, wir ziehen uns zurück.

Am Nachmittag des 10. Oktober hatten sich in diesem Viertel die Gläubigen vor der Moschee zur Demonstration zusammengeschlossen – trotz des Demonstrationsverbots und Ausnahmezustands.

Ein blutiger Schlußstrich

"Wir unternahmen diesen Marsch zur Verteidigung des Korans, für die Märtyrer und gegen die Unterdrückung", begründete Imam Benhadj später diese Herausforderung der Staatsgewalt. Die Armee schoß, es gab zahlreiche Tote. Revolte und Repression zogen einen blutigen Schlußstrich unter das erste Kapitel der algerischen Unabhängigkeitsgeschichte.