Von Günter Kunert

Wer ein Tabu anrührt, muß damit rechnen, nicht nur auf Zustimmung, sondern vor allem auf Ablehnung zu treffen. Nämlich bei den mehr oder weniger beamteten Tabuhütern. Das ist normal. Schon gar nicht mehr normal jedoch erscheint das Maß an Aggressivität, an Aufgeregtheit, die sachlich gar nicht, wohl aber psychologisch erklärbar ist. In ihr steckt verborgen, dennoch erkennbar etwas, das man das "deutsche Syndrom" nennen könnte. In der ZEIT Nr. 49 (2.12.88) habe ich in einem kleinen Aufsatz meine Meinung zu einem speziellen Bereich der "Moderne" gesagt und meine Sichtweise dargelegt. Diesem Aufsatz wurde ein Gegenaufsatz von Wieland Schmied beigegeben, in dem sich die von mir benannte "Leere" einer bestimmten Richtung auf der verbalen Ebene wiederholte. Es ist müßig, auf solche nichtigen Formeln wie "Weltentwürfe" oder "Weltdeutung" durch den Filz der späten Jahre einzugehen. Auch zu einer Formulierung wie "Der Sinn der Kunst liegt in der Produktion von Sinn" läßt sich kaum mehr sagen, als daß auch die geistige Armut von der adäquaten Povertät kommt.

Worauf aber unbedingt eingegangen werden muß, ist die Methode, derer sich Schmied bedient und die in der deutschen Geschichte ihre Grundmuster hat, da sie anstelle der Sache, um die es gehen sollte, den Kontrahenten des Scheindialogs zum Gegenstand der Auseinandersetzung macht. Dabei bedient sich diese Methode aus Mangel an Argumenten der Unterstellung und der absichtlichen Täuschung. Man kennt dergleichen Exempel aus vielen Kultur-"Diskussionen" in der DDR, wo dem kritischen Geist die Gefährdung des Systems und andere böse Absichten unterstellt wurden, indem man ihm einfach die Worte im Munde herumdrehte. Analoges geschieht hier, da Schmied, nachdem er mein "Feindbild" ausgemacht hat, sogleich die Frage stellt: "Was hat Kunert gegen die Bildende Kunst unseres Jahrhunderts?" Ein abgegriffener rhetorischer Trick, denn nach dieser falschen Fragestellung darf er sich nun selber die vorgefaßte Antwort geben, wobei ihm beiläufig die "Bildende Kunst unseres Jahrhunderts" auf die Moderne und einige Namen zusammenschrumpft.

Diese Methode des Disputes jedoch ist eine ideologische, denn sie geht von einer verfestigten, versteinerten Anschauung aus, die, weil sie sich selber nicht mehr in Frage zu stellen vermag, fragwürdige Mittel benutzen muß. Politische Analogien liegen auf der Hand. Aus der einstigen Avantgarde, aus dem einstigen Vortrupp wird ein konservativer Verein zu Selbstschutzzwecken, der in Panik gerät, wenn die Zeiten sich zu wandeln drohen. Vergessen die Tatsache, daß immer wieder aus Revolutionären Reaktionäre werden, sobald sie die Positionen ihrer Vorgänger eingenommen haben. Dann ist plötzlich die Rede von "Gefahr", die auch Wieland Schmied heraufbeschwört, als sei ich der potentielle Gründer einer neuen "Reichskulturkammer". Der Wink mit dem Faschismus-Zaunpfahl ist unübersehbar, ja, er hat mich sogar brieflich erreicht: Durch den "Sprecher" des Bundesverbandes Bildender Künstler Schleswig-Holstein, welcher mir eine Teilablichtung des Heftes zur Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst" zusandte, im Glauben, der Schlag unter die Gürtellinie sei immer noch das "schlagendste" Argument. Die mir unterstellte Nähe zu Rosenberg und Schdanow pointiert die intellektuelle Hilflosigkeit, die erschreckende Reduktion, die mir Freund oder Feind hinter reflektierenden Bekundungen zu sehen oder zu wittern vermag. Eine Verwilderung des Gemüts würde Thomas Mann dergleichen genannt haben.

Freilich und wie einleitend angesagt: Die Gespenster der unbewältigten Vergangenheit spuken stets und ständig durch derlei Auseinandersetzungen, indem der Wunsch nach Dominanz, nach Überwältigung des anderen, nach dem Triumph der eigenen "Linie" die Redeweise regiert. Persönliches Gekränktsein, obwohl doch nur die Sache k’itisch beleuchtet wurde, zeigt, wie identisch der sich gekränkt Fühlende mit der Sache ist: Ein wahrlich deutsches Leiden, das unleugbar zur Inhumanität tendiert. Weil es auf die historisch bedingte Schwäche unserer Psyche verweist. Immer haben wir uns in unserer Geschichte an Ideen und Ideale geklammert, mit dem Ergebnis, daß wir in stärkerem Maße als andere Nationen einen Verlust erlitten, nämlich an sinnlichem Vermögen, an Unmittelbarkeit, an der Fähigkeit menschlicheren Umganges miteinander. Ich schließe mich nicht aus dem Bannkreis aus, in dem wir "in diesem unseren Lande" agieren und reagieren. Aber wenn wir schon nicht über unsern eigenen Schatten springen können, sollten wir ihn nicht auch noch als unser eigentliches Wesen präsentieren.