Von Karl Hermann

Lübeck

Fachkundigen Befürwortern des dreigegliederten Schulsystems gilt ein Abitur auf dem Katharineum zu Lübeck seit jeher als Krönung der gymnasialen Laufbahn. Bernt Engelmann – wahrlich kein Konservativer – verglich die Traditionsschule in seinem Buch „O wie oben“ sogar mit dem englischen Elite-Internat Eton. Die Bruder Heinrich und Thomas Mann – während ihrer Pennälerzeit von eher mittelmäßiger Leistung – sorgten als prominente Absolventen für spätbürgerlichen Glanz. Nun ist nach fast 500 Jahren das Denkmal deutscher Didaktik ins Wanken geraten – durch einen, wie Katharineer meinen, äußerst „unfairen“ Angriff von links.

In einem „Anlagekatalog zum Platzangebot“ kam das Lübecker Schulamt zu einem für Altphilologen niederschmetternden Ergebnis: Sechs Gymnasien, darunter auch das ehrwürdige Katharineum, eignen sich für eine schrittweise Umwandlung zur integrierten Gesamtschule – langgehegter Plan der lübschen Sozialdemokraten. Das Schreckgespenst der „sozialistischen Einheitsschule“ lauert nun in den Kreuzgängen der ehemaligen Klosteranlage.

Die Landes-CDU hatte während ihrer 38jährigen Regierungszeit das Angebot an Gesamtschulen nur zögernd ausgebaut. Nach ihrem Wahlsieg in Kiel ist die SPD fest entschlossen, auch in Lübeck eine Gesamtschule einzurichten. Da es an Geld für einen Neubau fehlt, soll der Zweig im sogenannten „Auslaufverfahren“ in eine der bestehenden Schulen implantiert werden: Statt einer neuen Sexta wird es dann einen fünften Jahrgang mit Gesamtschülern geben.

Da man in den nächsten drei bis vier Jahren ohnehin mit einem Rückgang der Schülerzahlen um bis zu 30 Prozent rechnet – die Schülerzahl des Katharineums hat sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert –, hielten die Lübecker Schulstrategen das Verfahren auch für vertretbar.

Sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Als der sozialdemokratische „Wunschzettel“ – neben den sechs Gymnasien wurden noch eine Realschule sowie ein Schulzentrum genannt – in den vorweihnachtlichen Altstadt-Trubel platzte, erhob sich ein wahrer Proteststurm. Wie wohl nirgends sonst in Deutschland ballen sich hier auf engstem Raum – zwei mal vier Kilometer Backsteingotik – die Traditionsschulen: gleich vier an der Zahl. Eltern und Erzieher sahen den Untergang der humanistischen Bildungsideale voraus. Die Schulleiter rechneten vor, daß bei einer schrittweisen Umwandlung bestimmte Einrichtungen wie Chor, Orchester und Theater zusammenbrechen würden – so als seien musische Veranlagungen ausschließlich ein Vorrecht der Gymnasiasten. Gemeinsam halten sie der SPD vor, ihr Wahlversprechen gebrochen zu haben: Im sozialdemokratischen Pressedienst hatte Björn Engholm seinerzeit eingeräumt, daß er sich eine Umwandlung gegen den Willen der Schulkonferenz nicht vorstellen könne.