Von Rudolf Kahlen

Die Prognosen waren nicht gerade vielversprechend. Der Schock, den der Börsenkrach im Oktober 1987 ausgelöst hatte, saß noch tief in den Knochen, als es vor gut einem Jahr darum ging, einen Ausblick auf 1988 zu wagen. In den Forschungsinstituten korrigierten Wissenschaftler ihre Schätzungen für das Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik nach unten, und in den Börsensalen griff damals "eine gewisse Ernüchterung" (Deutsche Bank) um sich. Ein "allenfalls durchwachsenes Börsenjahr" sei zu erwarten, und für einen Aufschwung am Aktienmarkt fehlten "anregende Momente", pflichteten die Kollegen von der Westdeutschen Landesbank bei.

"Die Skeptiker wären schon zufrieden", schrieb eine Bank ihren Kunden, "wenn sich die Kurse der deutschen Aktien auf dem heutigen Niveau halten würden." Zwölf Monate später haben die Skeptiker allen Grund zur Freude. Was niemand zu hoffen wagte, geschah. Der deutsche Aktienmarkt kam 1988 ordentlich in Schwung. In der vierzigjährigen Börsengeschichte der Bundesrepublik kommt das abgelaufene Jahr immerhin auf den zehnten Platz in der Rangliste der Jahre mit den größten Kurssteigerungen.

Die Risikofreudigkeit eines Anlegers, der im vergangenen Januar deutsche Aktien gekauft und sie übers Jahr in seinem Depot gehalten hätte, wäre Ende Dezember im Schnitt mit einem Kursanstieg von 37 Prozent honoriert worden.

Davon war in der ersten Januarwoche allerdings noch nichts zu spüren. Das Jahr begann mit einem Desaster. Während der ersten Sitzung zeigten die Monitore im Frankfurter Börsensaal laufend niedrigere Notierungen an. Die Schlußkurse dieses Tages lagen bis zu vierzig Mark unter denen vom letzten Handelstag des alten Jahres. Die Aktienhändler sprachen schon in Erinnerung an den 19. Oktober 1987 von einem "neuen schwarzen Montag" und waren sich in einem sicher: "Die Tendenz zeigt weiter nach unten."

Doch schon im Februar besserte sich die Stimmung an der Börse. Einige Dividendenpapiere konnten damals zu einem so günstigen Kurs gekauft werden, daß deren Rendite mit der festverzinslicher Wertpapiere durchaus mithalten konnte. Das reizte einige wagemutige Privatleute zum Kauf. Vor allem aber Großanleger, wie Investmentgesellschaften, Versicherungen, Pensionskassen, deckten sich wieder mit Aktien ein.

Plötzlich war die Wende da. Innerhalb von gut zwei Wochen stiegen die Kurse am deutschen Aktienmarkt um zehn Prozent im Schnitt. Das war zwar angesichts der vorangegangenen Verluste nicht viel, reichte aber immerhin, um das Krisengerede der Skeptiker verstummen zu lassen.