ZDF, Dienstag, 10. Januar, 22.40: "Der tote Baum", Film von Joseph Morder (französisches Original mit deutschen Untertiteln)

Joseph Morder ist ein Kinobesessener, ein exemplarischer Cineast, der schon als Kind begonnen hat, Filme zu drehen. Er ist heute 37 Jahre alt und hat bereits dreihundert Super-8-Filme produziert: auf eigene Rechnung. Als Kind jüdischer Emigranten ist er in Südamerika geboren, lebt heute in Paris. Doch sein eigentliches Zuhause ist das Kino.

Das Kino gab ihm auch die Idee für sein 301. Produkt, das in Koproduktion mit dem "kleinen Fernsehspiel" des ZDF entstand. Nicht ein wirklicher toter Baum bringt die Geschichte, die er uns erzählt, in Gang, sondern eine Baum-Szene, die er auf einem Kinoplakat entdeckte.

Die Subjektivierung des Sichtbaren geht bei Morder noch einen Schritt weiter, weil das, was seine Phantasie verarbeitet, schon einmal von menschlicher Phantasie verarbeitet wurde. Sein Film bewahrt und uberhöht die großen Erlebnisse eines dem Kino Verfallenen. Er besteht aus Paraphrasen großer Film-Szenen, jener Sekunden, in denen der Cinéast den Mantel des Schicksals rauschen hört. Das Resultat sind melodramatische Standbilder von rührender Blässe.

Sie und er begegnen sich auf dem Ozeandampfer, sie stehen an der Reling, reden miteinander, doch wir hören nur den inneren Monolog der beiden. Dann schweigen sie, sehen sich flüchtig an, schauen ins brausende Fahrwasser, und wir dürfen ahnen, was da Tiefes in ihnen vorgeht. Wir können es aber nicht erraten, weil wir ihre Geschichte gar nicht kennen.

Morders Kameramann fixiert sekundenlang Morders (er spielt selbst die Hauptrolle) wehende Stirnlocke. Es sind dennoch keine großen Sekunden, weil wir nicht erfahren, was hinter dieser Stirn vorgeht. Wir kennen die Zusammenhänge nicht, deren Bruchstücke uns sichtbar werden.

Der Film zeigt Zerfallenes. Alte Prachtbauten in der argentinischen Metropole. Die blassen, etwas welken Schenkel der so ohne jeden sichtbaren Affekt begehrten Dame ("... und ihr Körper bemächtigte sich meiner in aller Ruhe."). Ein Klavier begleitet alle Szenen mit bröckelnder Salonmusik und legt einen melancholischen Schleier über das Ganze. Man tanzt einen langsamen Walzer auf dem Unterdeck und vergißt eine Welt, die man gar nicht zu vergessen braucht, weil sie ohnehin nur als Innenwelt vorkommt. Auch die Großaufnahmen, die langen Kamerafahrten zerfallen bei Morder; er zerschneidet sie, clustert sie, vielleicht, um sie ebenso beben zu lassen, in Schwingung zu versetzen, wie er es vom großen Kino her kennt.