Nach Georgia verweht: Das Abenteuer einer Woche unter Studenten im amerikanischen Süden

Von Wolfgang Ebert

Deutschland, wo liegt das eigentlich? "Nein, Virginia" (19jährige Studentin der Mercer-Universität in Macon, USA), "nein, die Mauer in Berlin wurde nicht vom Westen gebaut, um die Russen nicht reinzulassen, sondern vom Osten, um die eigenen Bürger nicht rauszulassen." – "Nein, Mark" (21jähriger Freshman), "Berlin ist nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten und nur über eine US-Luftbrücke zu versorgen." – "Nein, Mary Ann" (22jährige Studentin), "die Bundesbürger leben nicht in ständiger Furcht, daß eines Morgens sowjetische Panzer vor der Tür stehen." – "Nein, Ken" (18jähriger Highschool-Absolvent), "SPD und SED sind durchaus nicht identisch." – "Doch, Jessica" (20jährige Studentin im zweiten Jahr), "Holocaust hat tatsächlich stattgefunden."

Eine Woche bin ich auf dem Campus der Mercer-Universität, eingeladen vom College of Liberal Arts – und vollauf damit beschäftigt, wenigstens einige der aberwitzigsten Fehlinformationen zu korrigieren.

Allmählich wird mir klar, auf was ich mich eingelassen habe, als ich die Einladung annahm; daß ich in Macon, wohin sich nur selten ein Ausländer verirrt, nicht nur die Bundesrepublik, sondern gleich ganz Europa, wenn nicht das ganze Nicht-Amerika repräsentiere. Und welche Rolle mir meine liberalen Gastgeber in dieser 1937 von Baptisten gegründeten, nach wie vor streng baptistisch orientierten Universität zugedacht haben, als sie sich auf das riskante Unterfangen einließen, den Kolumnisten einer liberalen – liberal, das schmutzige L-Wort aus dem Wahlkampf, steht für: Drogensucht, Ehebruch, Sodomie und natürlich Kommunismus – einer liberalen deutschen Zeitung also nach Macon einzuladen: Sie brauchen Parteigänger in der Konfrontation mit den "Fundis", den rechten, rechtgläubigen Studenten. Wenn ich mich geradezu todesmutig als Liberaler bekenne, finden das manche meiner Hörer weiß Gott nicht komisch.

Kein Wunder, daß George Bush hier schon gewonnenes Spiel hatte, bevor er überhaupt zum Wahlkampf antrat. Hier in Georgia, im tiefen Süden, ist die Welt noch in Ordnung, und sie soll gefälligst am amerikanischen Wesen genesen. Trotz Gorbatschow ist der Feind Nummer eins immer noch – Rambo läßt grüßen – die Sowjetunion. Die Furcht ist weit verbreitet, der Kommunismus könnte sich über Nicaragua in die Vereinigten Staaten einschleichen.

Phantom der Angst