Von Andreas Kilb

Turin, Bahnhof Porta Nuova, am Mittwoch, dem 9. Januar 1889, gegen 13 Uhr 45. Drei Herren mittleren Alters, mit Mänteln und leichtem Reisegepäck, betreten die Bahnhofshalle und begeben sich zu dem Gleis, auf dem der Expreßzug nach Basel über Mailand-Chiasso-Gotthard-Luzern-Zürich bereitsteht, planmäßige Abfahrt 14 Uhr 20. Zwei der Männer sind bartlos, der dritte trägt einen buschigen, ungepflegten Schnurrbart und eine Nachtmütze auf dem Kopf. Sein Blick ist unsicher, er stiert nach allen Seiten um sich und fixiert die Menge, die den Bahnhof füllt. Auf einmal reißt er sich von seinen Begleitern los und versucht, einige der Passanten zu umarmen. Die beiden anderen Reisenden müssen ihn einfangen, unterhaken, wieder macht er sich los, wieder wird er zurückgeholt, die Menge, neugierig geworden, folgt den dreien zum Zug. Der Körper des Mannes mit der Nachtmütze wird von Zuckungen geschüttelt, er tritt ans Abteilfenster, brüllt ein paar Worte nach draußen, dann ziehen ihn die beiden anderen zurück, er sinkt auf ein Polster. So geht das eine "furchtbare halbe Stunde" lang, bis zur Abfahrt aus Turin.

Endlich, auf dem Weg in die Alpen, wird es Nacht, der Schnurrbärtige hat ein Schlafmittel bekommen, er wirkt ruhig, manchmal nickt er für kurze Zeit ein. Um zu verhindern, daß andere Reisende das Abteil betreten und den Kranken stören, hat sich einer der beiden Begleiter ein künstliches Gebiß in den Mund gesteckt, eine Art Dracula-Requisit, das einen abstoßenden Eindruck macht. Die Reise ist lang; erst am nächsten Morgen gegen acht Uhr wird der Zug in Basel eintreffen. Dort, so sagt der Mann mit dem Dracula-Gebiß zu dem Patienten mit der Nachtmütze, warte auf ihn, den Fürsten, eine festliche Menge. Aber: "Gehen Sie grußlos zu dem bereitstehenden Wagen!" Der Wagen ist bereits telegraphisch bestellt.

Sonst geschieht nichts mehr in dieser Nacht. Nur einmal, als der Zug den St. Gotthard passiert, erwacht der Mann mit der Nachtmütze aus seiner Lethargie und singt mit lauter Stimme ein Lied, zu einer "völlig eigentümlichen Melodie":

An der Brücke stand

jüngst ich in brauner Nacht.

Fernher kam Gesang: