Von Andreas Kilb

Turin, Bahnhof Porta Nuova, am Mittwoch, dem 9. Januar 1889, gegen 13 Uhr 45. Drei Herren mittleren Alters, mit Mänteln und leichtem Reisegepäck, betreten die Bahnhofshalle und begeben sich zu dem Gleis, auf dem der Expreßzug nach Basel über Mailand-Chiasso-Gotthard-Luzern-Zürich bereitsteht, planmäßige Abfahrt 14 Uhr 20. Zwei der Männer sind bartlos, der dritte trägt einen buschigen, ungepflegten Schnurrbart und eine Nachtmütze auf dem Kopf. Sein Blick ist unsicher, er stiert nach allen Seiten um sich und fixiert die Menge, die den Bahnhof füllt. Auf einmal reißt er sich von seinen Begleitern los und versucht, einige der Passanten zu umarmen. Die beiden anderen Reisenden müssen ihn einfangen, unterhaken, wieder macht er sich los, wieder wird er zurückgeholt, die Menge, neugierig geworden, folgt den dreien zum Zug. Der Körper des Mannes mit der Nachtmütze wird von Zuckungen geschüttelt, er tritt ans Abteilfenster, brüllt ein paar Worte nach draußen, dann ziehen ihn die beiden anderen zurück, er sinkt auf ein Polster. So geht das eine „furchtbare halbe Stunde“ lang, bis zur Abfahrt aus Turin.

Endlich, auf dem Weg in die Alpen, wird es Nacht, der Schnurrbärtige hat ein Schlafmittel bekommen, er wirkt ruhig, manchmal nickt er für kurze Zeit ein. Um zu verhindern, daß andere Reisende das Abteil betreten und den Kranken stören, hat sich einer der beiden Begleiter ein künstliches Gebiß in den Mund gesteckt, eine Art Dracula-Requisit, das einen abstoßenden Eindruck macht. Die Reise ist lang; erst am nächsten Morgen gegen acht Uhr wird der Zug in Basel eintreffen. Dort, so sagt der Mann mit dem Dracula-Gebiß zu dem Patienten mit der Nachtmütze, warte auf ihn, den Fürsten, eine festliche Menge. Aber: „Gehen Sie grußlos zu dem bereitstehenden Wagen!“ Der Wagen ist bereits telegraphisch bestellt.

Sonst geschieht nichts mehr in dieser Nacht. Nur einmal, als der Zug den St. Gotthard passiert, erwacht der Mann mit der Nachtmütze aus seiner Lethargie und singt mit lauter Stimme ein Lied, zu einer „völlig eigentümlichen Melodie“:

An der Brücke stand

jüngst ich in brauner Nacht.

Fernher kam Gesang:

goldener Tropfen quoll’s

über die zitternde Fläche weg.

Gondeln, Lichter, Musik –

trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus...

Meine Seele, ein Saitenspiel,

sang sich, unsichtbar berührt,

heimlich ein Gondellied dazu,

zitternd vor bunter Seligkeit.

– Hörte Jemand ihr zu ...

Der da singt, hieß einmal Friedrich Nietzsche. Jetzt ist er Caesar, Dionysos und Der Gekreuzigte. Nicht mehr einer, sondern viele. Zuletzt war ich noch Voltaire und Napoleon, vielleicht auch Richard Wagner. Hört jemand ihm zu? Ich habe auch am Kreuze gehangen. Das war in Turin, vor hundert Jahren. Jetzt fährt er, nach all den Schmerzen, den Anfällen und Einsamkeiten, in seine längste und letzte Nacht.

I.

Im Leben jedes Philosophen gibt es fünf Akte. Der erste Akt umfaßt die Jahre des Lernens und der „Prägung“, der zweite das Frühwerk, der dritte das Haupt- und der vierte das Spätwerk. Der fünfte und meistens peinlichste Akt handelt von den Auseinandersetzungen des Philosophen mit seiner Gemeinde, den Rechtfertigungen, Widerrufen und Selbstinterpretationen der späten Jahre. Von den wenigsten großen Denkern ist dabei Rühmenswertes zu berichten: Hegel etwa hat sich auf seine alten Tage als Kommentator der englischen Sozialreformen blamiert, Platon wurde von dem Tyrannen Dionysios von Syrakus, dem er sich als Berater angedient hatte, zum Sklaven gemacht und mußte sich schmählich freikaufen lassen.

In der philosophischen Vita Nietzsches fällt der fünfte Akt aus. Jener Schatten eines Schattens, der in Basel und Jena in der psychiatrischen Anstalt sitzt und dann zuhause in Naumburg in seinem Krankenzimmer langsam verdämmert, ist nicht einmal als Repräsentant, geschweige denn als Gewährsmann seines Denkens noch zu gebrauchen. Wenig spricht dafür, daß es Nietzsche gelungen wäre, seinem Ruhm und seinen Anbetern ähnlich würdevoll wie Schopenhauer zu begegnen. Wahrscheinlich hätte er an seiner Wirkung noch mehr gelitten als an sich selbst. Die Selbstauslöschung seines Bewußtseins hat ihm wenigstens das Schicksal erspart, zum Narren des deutschen Nietzsche-Kultes zu werden.

Nietzsche wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar 1889 von seinem Freund Franz Overbeck und einem durch das deutsche Konsulat in Turin vermittelten „Begleiter“, dem Dentisten Leopold Bettmann (er trug das Dracula-Gebiß), nach Basel gebracht. Aber was war vorher geschehen? Über all dem, was über Nietzsches Zusammenbruch noch in Erfahrung zu bringen ist, wacht der Mythos von Turin. Und zum Mythischen gehört, daß man es nie befragen darf. Nietzsches Schwester Elisabeth, die „Übermenschin“, wie Alfred Kerr sie nannte, hat als Biographin ihres Bruders und Herausgeberin seiner Werke alles unternommen, um die Spuren seiner Turiner Tage zu verwischen. Sie schrieb sogar falsche Nietzsche-Briefe, um ihre Behauptung zu belegen, Nietzsche habe sich unter Zuhilfenahme der Ärzte selbst vergiftet. Fast hundert Jahre mußten vergehen, ehe ein italienischer (!) Autor es unternahm, die Einzelheiten von Nietzsches Aufenthalt in Turin gründlich zu recherchieren. Mit Anacleto Verrecchias 1978 erschienenem Buch „La catastrofe di Nietzsche a Torino“ (deutsch: „Zarathustras Ende. Die Katastrophe Nietzsches in Turin“, Böhlau Verlag, Wien-Köln-Graz 1986) ist der Mythos von Turin erledigt. Und die Tragödie von Turin kommt zum Vorschein.

II.

Er kommt am 5. April 1888 am Bahnhof Porta Nuova an, nach dreitägiger Irrfahrt. Schon am 2. April hat er seine Winterresidenz Nizza verlassen; aber beim Umsteigen in Savona ist er „in Etwas Falsches gestiegen“, hat den Zug nach Genua genommen und dann auch noch zwei Tage lang „in einem affreusen Zustand“ in Sampierdarena, einem kleinen Ort nahe Genua, krank im Bett gelegen. „Ich bin wirklich nicht gemacht mehr zum Alleinreisen“, schreibt er an Peter Gast in Venedig. Das ist beinahe ein Hilfeschrei.

Seit zwölf Jahren ist Nietzsche auf Reisen, kreuz und quer durch Europa, auf der Flucht vor den Kopfschmerzen, den endlosen Migräneanfällen mit Erbrechen, die ihm das Leben zur Hölle machen. In der ersten Zeit nach dem Ausbruch der Krankheit ist er wie in Panik, nach jedem Strohhalm greifend, von Stadt zu Stadt, von Kurort zu Kurort gefahren; aber nach dem Winter 1879/80, dem „sonnenärmsten“ seines Leben, den er bei der Mutter in Naumburg verbrachte („dies war mein Minimum“, schreibt er später), hat sich in seinen Fluchtbewegungen so etwas wie eine feste Ordnung herausgebildet: Sommerlager, Winterlager, dazwischen wechselnde Kurzquartiere. Den Sommer verbringt er seit 1881 in Sils-Maria im Oberengadin, den Winter seit 1884 in Nizza; im Frühling und Herbst fährt er mal nach Venedig, mal nach Leipzig, Zürich oder Chur. Diesmal will er Turin ausprobieren, das ihm der zweitklassige Musiker Heinrich Köselitz, den er unter dem Pseudonym „Peter Gast“ zum Freund und „maestro“ beförderte, vor drei Jahren empfohlen hat.

In den ersten Apriltagen des Jahres 1888 bringt der Turiner Zeitungshändler Davide Fino einen Herrn nach Hause, der (so erzählte Finos Sohn Ernesto Jahrzehnte später) „nur französisch sprach... Nach der Kleidung hätte man keinen Professor in ihm vermutet. Er trug einen braunen Überzieher, einen Schlapphut und einen Plaid über dem Arm. Alle diese Kleidungsstücke waren mehr als verbraucht und zeigten, daß ihr Träger keinerlei Sorgfalt auf sie verwendete.“

Der pensionierte Philologieprofessor Friedrich Nietzsche aus Basel bezog bei der Familie Fino ein Zimmer mit Balkon im vierten Stock des Hauses in der Via Carlo Alberto 6. Bis zu seinem Ende hat er den Namen seiner Wirtsleute in keinem Brief erwähnt. Für die engsten Gefährten seiner Einsamkeit, die sich bis zuletzt rührend um ihn kümmerten, blieb er blind. So lebte er dahin.

III.

„Aber Turinl Lieber Freund, seien Sie beglückwünscht! Sie rathen mir nach dem Herzen! (...) Gar nicht Großstadt, gar nicht modern, wie ich gefürchtet hatte: sondern eine Residenz des 17 Jhs. welche nur Einen commandierten Geschmack in Allem hatte, den Hof und die noblesse. (...) Und für die Füße wie für die Augen ein klassischer Ort! Was für Sicherheit, was für Pflaster, gar nicht zu reden von den Omnibus und trams, deren Einrichtung hier bis ins Wunderbare gesteigert ist! (...) Nein, was für ernste und feierliche Plätze! Und der Palaststil ohne Prätension; die Straßen sauber und ernst – und Alles viel würdiger als ich es erwartet hatte! Die schönsten Cafés, die ich sah. (...) Abends auf der Pobrücke: herrlich! Jenseits von Gut und Böse!!“

Nietzsche ist entzückt, und das schon nach knapp zweitägigem Aufenthalt. „Und daß man mitten in der Stadt die Schnee-Alpen sieht! (...) Daß die Straßen schnurgerade in sie hineinzulaufen scheinen! Die Luft trocken, sublim-klar. Ich glaubte nie, daß eine Stadt durch Licht so schön werden könnte.“

Auch heute noch ist Turin, trotz Fiat und Faschismus, trotz Boom und Beton, eine schöne Stadt. Das Zentrum, um das die achtspurigen Corsi herumlaufen, stammt fast ganz aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert; es gibt keine engen mittelalterlichen Gäßchen, sondern breite, von Arkaden gesäumte Straßen, die bei klarem Wetter tatsächlich direkt in die Alpen zu münden scheinen. Guarino Guarini und Filipo Juvarra haben die Architektur der Stadt geprägt, den Palazzo Madama, der auf den Resten eines römischen Torbaus entstand, das Residenzschloß, die Kirche von S. Lorenzo und die geometrischen Delirien der Domkapelle, in der die berühmte sindone, das falsche Leichentuch Christi, aufbewahrt wird. Am Flußufer kann man im Parco Valentino oder im Parco Michelotti spazierengehen; beides hat Nietzsche oft getan. „Neulich entdeckte ich, auf der anderen Seite des Po, eine hohe Baumallee, dicht am Po 1 1/2 Stunden entlang führend; auf der anderen Seite ein voller Bach; tiefste Stille; der Fluß mit kleinen grünen Inselchen geschmückt, und, zur Seite, ohne Unterbrechung, in strahlender Reinheit, das Hochgebirge.“

So hat er sein geliebtes Hochgebirge, das Sinnbild seiner Verstiegenheiten, seiner Einsamkeit und seiner eingebildeten Macht, immer in seiner Nähe. Viele Male muß Nietzsche allein am Poufer entlanggestreift sein („Streifzüge“ ist eins seiner Lieblingswörter); denn viele Male kommt er darauf zurück. „Am 30. September grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung, Müssiggang eines Gottes am Po entlang.“ Das schreibt er im Oktober in „Ecce Homo“. Da ist er schon sechs Monate näher am Untergang.

IV.

Was tut der Philosoph, wenn er nicht schreibt oder spazierengeht? Er sitzt in der Trattoria und im Café. „In der Trattoria zahle ich für jede Mahlzeit 1 fr. 15 und lege, was entschieden als Ausnahme empfunden wird, noch 10 ct. bei. Dafür habe ich ganz große Portion minestra sei es trocken, sei es in Bouillon: allergrößte Auswahl und Abwechslung, und die italienischen Mehlfabrikate alle von erster Güte (...) Dann ein ausgezeichnetes Stück zartes Fleisch, vor allem Kalbsbraten, den ich nirgends so gegessen habe, mit einem Gemüse, Spinat usw. Drei Brödchen, hier sehr schmackhaft, für die Liebhaber die grissini, die ganz dünnen Brodröhrchen, die Turinischer Geschmack sind.“ – „Der Café in den ersten Cafes, ein kleines Kännchen, von merkwürdiger Güte, sogar erster Güte, wie ich sie noch nicht fand, 20 ct.“ – „Das Wasser herrlich; (...) das Eis, höchste Kultur, 30 ct.“ Wenn man die Briefstellen nacheinander zitiert, in denen sich Nietzsche über die minestre, dolci und gelati von Turin ausläßt, wird der Philosoph der „Umwertung aller Werte“ schnell zur lächerlichen Figur. Aber abgesehen davon, daß Nietzsche zeit seines Lebens und Leidens ein Tagebuch seiner Verdauung geführt hat („verdaue wie ein Halbgott“, schreibt er an Gast), sind seine Briefe vor allem das Zeugnis einer erfahrungslosen Existenz. Die Cafés, die Trattorien, die Konzerte und Spaziergänge – mehr hat der stark kurzsichtige und ewig zerstreute Nietzsche einfach nicht erlebt. Und so kommt es, daß er, der dem Örtchen Sils das „Geschenk meines unsterblichen Namens“ machen wollte, auch sie unsterblich machte: die Grissini von Turin.

V.

Das Wunder von Turin: Die Kopfschmerzen verschwinden, das „Erbrechen“ bleibt aus. „Ich bin so erleichtert, so gestärkt, so guter Laune“ – die „schwarzen Geister“ haben ihn verlassen, Turin wird zum ersten Ort, „in dem ich möglich bin“ und „wo ich meine alte Mutter einmal am liebsten hätte“. Das schreibt er Ende April nach Naumburg und unterzeichnet wie so oft schon: „Dein altes Geschöpf“.

Nietzsche ist 43 Jahre alt, vor vier Jahren hat er der Welt seinen „Zarathustra“ gegeben, und noch immer ist er nicht berühmt. Immerhin, Georg Brandes hält in Kopenhagen Vorlesungen über ihn; Nietzsche posaunt die Freudennachricht sofort in alle Welt hinaus, schickt Siegesmeldungen an Verleger und Freunde. Für Brandes schreibt er einen „Lebenslauf“ voller schöner Lügen und bitterer Wahrheiten. „Ich bin am 15. Okt. 1844 geboren, auf dem Schlachtfelde von Lützen ... Meine Vorfahren waren polnische Edelleute“. – „Ich habe nie ein Symptom von geistiger Störung gehabt; selbst kein Fieber, keine Ohnmacht. Man hat das Gerücht verbreitet, als ob ich im Irrenhause gewesen sei (oder gar darin gestorben sei) Nichts ist irrthümlicher.“

Am 5. Juni, genau zwei Monate nach seiner Ankunft in Turin, fährt Nietzsche nach Sils-Maria; dort bleibt er bis zum 20. September. Inzwischen hat er die „Götzen-Dämmerung“ und den „Fall Wagner“ beendet; auch der „Antichrist“ ist beinahe fertig. Oft steht er mitten in der Nacht auf, „vom Geiste getrieben“. Und in Sils meldet sich auch das alte Leiden wieder: „ewiger Kopfschmerz, ewiges Erbrechen“. Es dämmert schon.

VI.

In seinem Vorwort zu den Schriften von 1888 hat Giorgio Colli den „Riß“ beschrieben, der sich durch Nietzsches späteste Werke zieht. Er, der die Epoche, in der er lebt, wegen ihrer „décadence“ und „Herdenmoral“ verachtet, möchte zugleich zu ihrem geistigen Führer werden, zum Protagonisten einer neuen Wert- und Weltordnung. „Während er die moderne Welt ablehnt, nimmt er sie entsetzlich ernst, wirft sich mit seiner ganzen Person auf das Problem des Heute, will um jeden Preis selbst zu einem Problem des Heute werden ... Dieser unlösbare Konflikt mit seiner zerrüttenden Verflochtenheit von Impulsen zerschlägt am Ende die Einheit von Nietzsches Denkorgan.“

Hätte Nietzsche im Sommer 1888 noch die Kraft gehabt, seine eigene Existenz mit nüchternen Augen zu betrachten, dann hätte er seinen philosophischen Feldzug als gescheitert ansehen müssen. Die großen Buchprojekte, „Der Wille zur Macht“ und „Die Umwertung aller Werte“, sind zerstoben, Fragmente und Titelentwürfe liegen in seinen Notizkästen; wo er den Jubelchor der Jünger erwartete, hört er nur das hohle Echo seiner selbst. „Ich bin die Einsamkeit als Mensch“, hat er einmal geschrieben; und diese Einsamkeit wird immer unerträglicher, sie erdrückt, erstickt ihn. „(Nachts, bestirnter Himmel) / oh dieser todtenstille Lärm!“ notiert er in Sils-Maria. Und: „Wenn den Einsamen / die große Furcht anfällt, / wenn er läuft und läuft / und weiß selber nicht wohin?“

Dann schleudert er den „Fall Wagner“, die „Götzen-Dämmerung“ und den „Antichrist“ aus sich heraus – eine Haßschrift gegen den ehedem geliebten „Musikanten“ von Bayreuth; einen Hammerschlag gegen die klassischen Philosophen und „Menschheitsverbesserer“, gegen die „Rhachitiker-Bosheitdes Sokrates und die „steife Tölpelei“ der Deutschen; und den „Fluch auf das Christenthum“, mit dem er die Priester ins Zuchthaus und „in jede Art Wüste“ schicken und die Stätte, auf der das Evangelium „seine Basilisken-Eier gebrütet hat“, dem Erdboden gleichmachen will.

„Nietzsche erklärt der modernen Welt seine Verachtung nicht, er schreit sie ihr ins Gesicht“, resümiert Colli. In diesem Schreien und Wüten verliert Nietzsche seine eigentlichen großen Themen, den Willen zur Macht und die Ewige Wiederkehr, immer mehr aus den Augen. Statt dessen sammelt er wie besessen große Namen auf, kommt von Seneca über Rousseau, Schiller, Dante, Kant und Liszt zu den Brüdern Goncourt und findet für jeden ein passendes Schimpfwort. „Dante: oder die Hyäne, die in Gräbern dichtet.“ – „George Sand: oder lactea ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit ‚schönem Stil‘.“ – „Zola: oder ‚die Freude zu stinken‘.“ Alle, die er einst gehaßt und geliebt, gehört und gelesen hat, treten noch einmal auf. So rafft einer schnell seine Siebensachen zusammen, bevor er sich auf den langen Weg macht.

VII.

„Lieber Freund, ich machte gestern, mit Deinem Brief in der Hand, meinen gewohnten Nachmittags-Spaziergang außerhalb Turins. Reinstes Oktoberlicht überall; der herrliche Baumweg, der mich etwa eine Stunde dicht am Po entlang führte, vom Herbste noch kaum berührt. Ich bin jetzt der dankbarste Mensch von der Welt – herbstlich gesinnt in jedem guten Sinne des Wortes: es ist meine große Erntezeit. Alles wird mir leicht, Alles geräth mir, obwohl schwerlich schon Jemand so große Dinge unter den Händen gehabt hat.“

Nietzsche ist wieder in Turin. Anfang Oktober notiert er auf einem Zettel, wie er seine Tage zu verbringen gedenkt: „Abends ins Café Livorno / 3-5 ins Café Florio / Nicht zu Roma / nicht zu Löscher / Nicht Brille in der Straße aufsetzen! / keine Bücher kaufen! / nicht in die Menge gehn!“

Nietzsche meidet also das Café Roma, in dem sich die intellektuelle Crème von Turin trifft; er geht auch nicht zur Buchhandlung Ermanno Loescher, deren Besitzer Carlo Clausen er im Frühjahr kennengelernt hat; und bevor er auf die Straße tritt, setzt der „dreiviertelblinde“ Nietzsche noch seine Brille ab, um auch ja keinen Bekannten grüßen zu müssen. In dieser bleiernen Abgeschlossenheit entsteht innerhalb von wenigen Wochen „Ecce Homo“ – Untertitel: „Wie man wird, was man ist.“ Werde, der du bist: Dieser Satz aus den Oden des Griechen Pindar hatte es Nietzsche schon in seiner Schul- und Studentenzeit angetan. So schließt sich der Kreis.

Warum ich so weise bin. Warum ich so klug bin. Warum ich so gute Bücher schreibe. Warum ich ein Schicksal bin. All das erklärt „Ecce Homo“. Nietzsche sichtet sein Lebenswerk, er schreibt seine eigene Apotheose. Und in den langen, klaren Herbstnächten, in denen das Werk entsteht, rutscht ihm heraus, was er so lange zurückgehalten hat. „Ich trage das Schicksal der Menschheit auf meiner Schulter.“ – „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ – „Vielleicht bin ich ein Hanswurst...“ – „Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat.“

Mit „Ecce Homo“ vollzieht Nietzsche, was er im „Zarathustra“ bereits eingeübt hat: Er macht sich selber zum Kunstwerk. Er schlüpft hinüber in die Kunstwelt seiner Schriften, seiner einsamen „Kriege“. Damit bricht die Spannung zwischen Realitätsverlust und Erkenntnisgewinn, die ihn bis hierher aufrecht gehalten hat, zusammen. Nietzsche wird sich selber zur Figur, zum Clown und Messias seines Denkens. Während er auf der Straße kaum noch etwas wahrnimmt, sieht er sich schon als Schöpfer einer neuen Epoche der Weltgeschichte. „Erst von mir an gibt es auf Erden große Politik.“ Und während er einsam durch die Arkaden von Turin streift, nimmt er im Geist die Stadt schon als ihr König in Besitz.

VIII.

Pierre Klossowski hat in seiner beeindruckenden Studie „Nietzsche und der Circulus vitiosus deus“ gezeigt, wie fließend die Trennungslinie zwischen Nietzsches „wahnsinnigen“ Pseudonymen und seinem „normalen“ Rollenspiel ist. Alles, was tief sei, liebe die Maske: Das war schon die Bühnenanweisung für die Mysterien des „Zarathustra“. Die Vermummung als Christus und Dionysos ist nur die letzte Konsequenz des Denkens unter der Maske, diejenige Phase, in der Maske und Ich identisch werden. Bis zu seinen letzten „Wahnsinnszetteln“ hat Nietzsche immer wieder Augenblicke von vollkommener Klarheit gehabt, in denen er wußte, was er tat. Klossowski: „... er simulierte Dionysos oder den Gekreuzigten, und er genoß diese Ungeheuerlichkeit. Gerade in diesem Genuß besteht der Wahnsinn: keiner kann beurteilen, in welchem Maße diese Simulation vollkommen und absolut ist.“

Die engsten Vertrauten Nietzsches glauben bis zuletzt nicht an seine Umnachtung: Franz Overbeck in Basel fährt erst auf den dringenden Rat Jacob Burckhardts, der zwei von Nietzsches „Zetteln“ empfangen hat, nach Turin, und Peter Gast glaubt noch im Sommer 1889, als er Nietzsche in der Jenaer Anstalt besucht, der Freund simuliere.

Nur Erwin Rohde, der Freund aus der Schulzeit, empfand schon Jahre vorher in Sils „eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremdheit“, eine tiefe Irritation. Und Cosima Wagner, die heimlich und eifersüchtig Geliebte, hielt Nietzsche schon seit langem für „verrückt“. So war er, während ihn seine nächste Umgebung noch als Philosophen begrüßte, aus der Ferne betrachtet schon ein Patient.

IX.

Der Dezember in Turin ist kalt. An klaren Tagen wirkt die Stadt mit ihren Bogengängen seltsam unwirklich; Giorgio de Chirico hat sie so gemalt, als città metafisica. Zu Weihnachten gibt es Schnee, später Nebel. Einsamer nie.

Irgendwann in diesen Dezemberwochen muß Nietzsche den Kampf um sein Ich, seine Identität, endgültig aufgegeben haben. Vorher hat er noch dem „Barbier von Sevilla“ in der Galleria Subalpina gelauscht, einer mächtigen, glasüberdachten Halle, in die er vom Korridor seiner Wirtswohnung aus hineinschauen kann, hat im Konzert gesessen und Grimassen geschnitten, „eingerechnet, für 10 Minuten, die Grimasse der Thränen“, und gelegentlich auf dem Markt Trauben gekauft: „meine alte Hökerin legt für mich das Süßeste von Trauben zurück und hat den Preis ermäßigt!...“

Eine der letzten Mitteilungen, die er bei klarem Bewußtsein schreibt, ist der Weihnachtsgruß an die Mutter vom 21. Dezember; es ist einer der berührendsten, liebevollsten Briefe Nietzsches überhaupt:

Meine alte Mutter,

(...) Im Grunde ist Dein altes Geschöpf jetzt ein ungeheuer berühmtes Thier: nicht gerade in Deutschland, denn die Deutschen sind zu dumm und zu gemein für die Höhe meines Geistes und haben sich immer an mir blamirt, aber sonst überall. Ich habe lauter ausgesuchte Naturen zu meinen Verehrern; lauter hochgestellte und einflußreiche Menschen, in St. Petersburg, in Paris, in Stockholm, in Wien, in New-York. (...) Siehst Du, das ist das Kunststück: ohne Name, ohne Rang, ohne Reichthum werde ich hier wie ein kleiner Prinz behandelt, von Jedermann bis zu meiner Hökerin herab, die nicht eher Ruhe hat als bis sie das Süßeste aus allen ihren Trauben zusammengesucht hat (das Pfund jetzt 28 Pf.)(...) Meine alte Mutter, empfange, zum Schluß des Jahres, meine herzlichsten Wunsche und wünsche mir selber ein Jahr, das den großen Dingen, die in ihm geschehen müssen, in jeder Hinsicht entspricht.

Dein altes Geschöpf.

Sie hat ihn bis zu ihrem Tode gepflegt.

X.

Das alte Geschöpf gibt auf. Am 30. Dezember nimmt Nietzsche Turin in Besitz: zuerst die Mole Antonelliana, den 167 Meter hohen Turmbau des gerade verstorbenen Architekten Antonelli (noch heute ist er ein Wahrzeichen der Stadt) – „Ich habe es Ecce homo getauft und im Geiste einen ungeheuren freien Raum herum gestellt.“ – „Dann gieng ich nach meinem palazzo, jetzt palazzo Madama – die Madama dazu schaffen wir an – : kann vollkommen bleiben wie er ist“. Außerdem schreibt er „eine Proklamation an die europäischen Höfe zur Vernichtung des Hauses Hohenzollern“. Am Tag darauf ernennt er sich zum künftigen König von Italien: „Meine Adresse weiß ich nicht mehr: nehmen wir an, daß sie zunächst der palazzo del Quirinale sein dürfte.“ Den Kardinal Mariani und den König Umberto in Rom grüßt er als „Der Gekreuzigte“, über den Brief an Cosima schreibt er „An die Prinzeß Ariadne, meine Geliebte“, und Overbeck teilt er mit: „Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen ... Dionysos.“

Der längste „Wahnsinnsbrief“, am 6. Januar an Jacob Burckhardt, beginnt mit den Worten: „zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott“. So macht er sich mit sich selber noch einen Scherz. „Ich gehe überall hin in meinem Studentenrock, schlage hier und da Jemandem auf die Schulter und sage: siamo contenti? son dio, ho fatto questa caricatura ...“ Ich bin Gott, ich habe diese Karikatur gemacht.

Irgendwann in den ersten Januartagen des Jahres 1889 könnte auch jene Episode stattgefunden haben, die das Herzstück des Turiner Mythos bildet: die Umarmung des Pferdes. Nietzsche habe, schreibt der Turiner Journalist Ugo Pavia 1932, „die Arme um den Hals des Pferdes einer Mietkutsche geschlungen und wollte ihn nicht mehr loslassen. Er hatte gesehen, wie der Kutscher den Vierbeiner geschlagen hatte und dabei einen so ungeheuren Schmerz empfunden, daß er sich veranlaßt sah, dem Tier seine Zuneigung zu bezeugen.“ Kann sein, kann auch nicht sein. Bewiesen ist die Anekdote nicht. Aber sie hat die Dichter und Jünger, die Biographen und Apologeten inspiriert, weil sie von einer reinen Geste erfüllt ist: der Geste des Mitleids, mit der der Philosoph der Stärke und des Willens zur Macht die ohnmächtige Kreatur umarmt. Das genügt.

XI.

Jetzt geht alles sehr schnell. Nietzsches Zimmerwirt hat den Turiner Irrenarzt Carlo Turina hinzugezogen; Nietzsche droht die Einweisung in die Villa Turina, ein privates manicomio außerhalb der Stadt. Als Overbeck, von Burckhardt alarmiert, am 8. Januar in Turin eintrifft, war der verzweifelte Davide Fino schon bei der Polizei. “Ich erblicke N. in einer Sofaecke kauernd und lesend“, schildert Overbeck das Wiedersehen, „entsetzlich verfallen aussehend, er mich und stürzt sich auf mich zu, umarmt mich heftig, mich erkennend, und bricht in einen Tränenstrom aus, sinkt dann in Zuckungen aufs Sofa zurück...“ Später, im kleinen Kreis, hat Overbeck gestanden, daß es noch schlimmer war: „ein Anblick, der die orgiastische Vorstellung der heiligen Raserei, wie sie der antiken Tragödie zugrunde lag, auf grauenhafte Weise verkörperte.“ Nietzsche hat, mit anderen Worten, nackt und mit erigiertem Glied in seinem Zimmer getanzt, was bei dem braven Theologen Overbeck schon ans Unausprechliche rührte.

In Basel wird Nietzsche sofort in die Privatklinik des Professor Wille eingeliefert, wo er bis zum 17. Januar bleibt. (In dem Namen Wille liegt, beiseite gesprochen, ein welthistorischer Witz.) Wille, ein Spezialist für Paralysefälle, diagnostiziert „Paralysis progressiva“ und holt sich bei dem verwirrten Nietzsche die Bestätigung, er habe sich „zweimal“ einschlägig, nämlich mit Syphilis, infiziert. Damit könnte Nietzsche aber auch die Cholera gemeint haben, von der er sich 1866 befallen glaubte; eine „doppelte“ Syphilis klingt eher unwahrscheinlich. Nietzsches „luetische“ Infektion ist so wenig bewiesen oder widerlegt wie die Umarmung des Pferdes – aber auch sie ist Bestandteil des Mythos, und sie hat einen der größten deutschen Romane inspiriert, Thomas Manns „Doktor Faustus“. Auch das dürfte ausreichen.

Am 18. Januar 1889 kommt Nietzsche in das Sanatorium von Professor Binswanger nach Jena. Als Ausländer ohne deutschen Paß muß er ein erhöhtes Tagegeld bezahlen. Die Rechnungen sind auf „Herrn Professor Friedrich Nietzsche, Turin“ ausgestellt. So wird er endlich zum Turiner.

Das Krankenjournal von Jena verzeichnet etliche Male „Kot geschmiert“, „Trinkt wieder Urin“ oder „Plötzlich ein Fenster eingeschlagen“, aber auch „Hält den Oberwärter für Bismarck“ und „Behauptet heute in Turin zu sein“. Einmal sagt Nietzsche: „Meine Frau Cosima Wagner hat mich hierher gebracht.“ Ein anderes Mal: „Ich habe Kopfschmerz, daß ich weder gehen noch sehen kann.“ Er ist nicht mehr zu sich gekommen.

XII.

Hier endet die Geschichte von Turin. Und es beginnt die Geschichte der Erbstreitigkeiten, der Ränke und Editionen. Die Geschichte der Fälschungen, mit denen Elisabeth Förster-Nietzsche ihren Bruder den Nazis mundgerecht servierte. Und die Geschichte der Rezeption von George, Benn, Heidegger und Thomas Mann bis zu Bataille, Lacan, Foucault und Derrida. Diese Geschichte handelt davon, wie aus dem wahren Nietzsche wieder der scheinbare wurde, aus dem sich jeder nach Bedarf einen Rebellen, einen Décadent, einen Kulturkritiker, einen Überwinder der Metaphysik oder einen Sprachphilosophen machte. Doch das ist ein anderes Blatt.

Am 24. März 1890 holt Franziska Nietzsche ihren Sohn aus dem Jenaer Sanatorium ab und bringt ihn in ihr Haus nach Naumburg. Entgegen der Diagnose „Paralysis progressiva“, die ein baldiges Ende bedeutet hätte, lebt Nietzsche noch zehn Jahre lang. „Manchmal stößt er wie im Selbstgespräch einige Worte hervor“, schreibt ein Besucher. „,In diesem Hause wohnen lauter gute Menschen“... und später ‚Ich habe viele schöne Sachen geschrieben‘. ‚Das ist ein schönes Buch‘ meint er ernst.“ Er sei „völlig stumpf, erkennt außer Mutter und Schwester niemand mehr“, berichtet Erwin Rohde 1894 an Overbeck, „auch körperlich ganz zusammengehutzelt, schwach und klein geworden, übrigens von gesunder Gesichtsfarbe, kurz ein tränenerweckender Anblick.“

Nietzsche stirbt am 25. August 1900. Sein Jahrhundert hat gerade begonnen.

Der Verfasser dankt Anacleto Verrecchia, Silvana Verrecchia und Italo Bongioanni für Ihre freundliche Unterstützung.