Irgendwann in den ersten Januartagen des Jahres 1889 könnte auch jene Episode stattgefunden haben, die das Herzstück des Turiner Mythos bildet: die Umarmung des Pferdes. Nietzsche habe, schreibt der Turiner Journalist Ugo Pavia 1932, "die Arme um den Hals des Pferdes einer Mietkutsche geschlungen und wollte ihn nicht mehr loslassen. Er hatte gesehen, wie der Kutscher den Vierbeiner geschlagen hatte und dabei einen so ungeheuren Schmerz empfunden, daß er sich veranlaßt sah, dem Tier seine Zuneigung zu bezeugen." Kann sein, kann auch nicht sein. Bewiesen ist die Anekdote nicht. Aber sie hat die Dichter und Jünger, die Biographen und Apologeten inspiriert, weil sie von einer reinen Geste erfüllt ist: der Geste des Mitleids, mit der der Philosoph der Stärke und des Willens zur Macht die ohnmächtige Kreatur umarmt. Das genügt.

XI.

Jetzt geht alles sehr schnell. Nietzsches Zimmerwirt hat den Turiner Irrenarzt Carlo Turina hinzugezogen; Nietzsche droht die Einweisung in die Villa Turina, ein privates manicomio außerhalb der Stadt. Als Overbeck, von Burckhardt alarmiert, am 8. Januar in Turin eintrifft, war der verzweifelte Davide Fino schon bei der Polizei. "Ich erblicke N. in einer Sofaecke kauernd und lesend", schildert Overbeck das Wiedersehen, "entsetzlich verfallen aussehend, er mich und stürzt sich auf mich zu, umarmt mich heftig, mich erkennend, und bricht in einen Tränenstrom aus, sinkt dann in Zuckungen aufs Sofa zurück..." Später, im kleinen Kreis, hat Overbeck gestanden, daß es noch schlimmer war: "ein Anblick, der die orgiastische Vorstellung der heiligen Raserei, wie sie der antiken Tragödie zugrunde lag, auf grauenhafte Weise verkörperte." Nietzsche hat, mit anderen Worten, nackt und mit erigiertem Glied in seinem Zimmer getanzt, was bei dem braven Theologen Overbeck schon ans Unausprechliche rührte.

In Basel wird Nietzsche sofort in die Privatklinik des Professor Wille eingeliefert, wo er bis zum 17. Januar bleibt. (In dem Namen Wille liegt, beiseite gesprochen, ein welthistorischer Witz.) Wille, ein Spezialist für Paralysefälle, diagnostiziert "Paralysis progressiva" und holt sich bei dem verwirrten Nietzsche die Bestätigung, er habe sich "zweimal" einschlägig, nämlich mit Syphilis, infiziert. Damit könnte Nietzsche aber auch die Cholera gemeint haben, von der er sich 1866 befallen glaubte; eine "doppelte" Syphilis klingt eher unwahrscheinlich. Nietzsches "luetische" Infektion ist so wenig bewiesen oder widerlegt wie die Umarmung des Pferdes – aber auch sie ist Bestandteil des Mythos, und sie hat einen der größten deutschen Romane inspiriert, Thomas Manns "Doktor Faustus". Auch das dürfte ausreichen.

Am 18. Januar 1889 kommt Nietzsche in das Sanatorium von Professor Binswanger nach Jena. Als Ausländer ohne deutschen Paß muß er ein erhöhtes Tagegeld bezahlen. Die Rechnungen sind auf "Herrn Professor Friedrich Nietzsche, Turin" ausgestellt. So wird er endlich zum Turiner.

Das Krankenjournal von Jena verzeichnet etliche Male "Kot geschmiert", "Trinkt wieder Urin" oder "Plötzlich ein Fenster eingeschlagen", aber auch "Hält den Oberwärter für Bismarck" und "Behauptet heute in Turin zu sein". Einmal sagt Nietzsche: "Meine Frau Cosima Wagner hat mich hierher gebracht." Ein anderes Mal: "Ich habe Kopfschmerz, daß ich weder gehen noch sehen kann." Er ist nicht mehr zu sich gekommen.

XII.