Dieses Jahr wird ein gewaltiges Jahr. Jesus wird (vermutlich) 1993, Goethe wird (sicher) 240, Willi Winkler (hoffentlich) 32, Steffi Graf 20. Das ist noch nicht alles. Christa Wolf, Michael Ende, Jürgen Habermas und Hans Magnus Enzensberger feierten vor zehn Jahren ihren 50. Geburtstag. Wir gratulieren nachträglich. Loki Schmidt wird 70, Golo Mann 80. Aber: Charlie Chaplin, Carl von Ossietzky, Adolf Hitler und der Eiffel-Turm werden hundert. Die Essayisten scharren schon mit den Hufen. Hamburgs Hafen wird 800, Bonn und der Deutsche Wald werden 2 000. Die französische Revolution hingegen wird bloß 200. Und die BRD wird 40. Ganz schön alt.

Jahrestage, Tage der ins Archiv entsandten Korrespondenten. Das Dezimalsystem heiligt alles, was mit einer Null endet. Je mehr Nullen, desto besser. Ein Datum kann noch so krumm beginnen, irgendwann wird eine runde Sache daraus. Der gedankenvolle und tatenarme Kulturjournalist muß nur warten: Irgendwann kann er zeigen, was er gerne studiert hätte. Irgendwann werden wir seinen sensationellen Aufsatz lesen: Wie erst jetzt überraschend bekannt wurde, wäre der Nestor unter den deutschen Doyens heute 175 Jahre alt geworden.

Kurz: Wir sprechen hier von Sternstunden des deutschen Journalismus. Was lange währt, wird endlich gut. Und alles währt immer länger. Die Archive, die Bibliotheken quellen über. Die Historiographen hören nicht auf. Sie erforschen den geschichtlichen Raum nach hinten und in die Breite, daß keine Seite des großen Buches weiß bleibe. Mit jedem Jahr wächst das Buch, sammelt immerzu neue Jubeltage, Gedenktage, Todestage, Geburtstage. Und die Abstände werden immer kürzer. Das Jahr: ein einziger Jahrestag. Mußte früher eine anständige Verfassung hundert Jahre alt werden, damit sie gefeiert werden konnte, so genügen heute vierzig, und keiner lacht. Da prasseln die Jahrestage nur so übereinander, und wer das alles ernst nehmen wollte, dem müßte es im Wechselbad verordneter Freude und gebotener Trauer kannibalisch übel werden.

Wer eigentlich hat damals, vor etwa fünfzehn Jahren, den Geschichtsverlust der Deutschen beklagt? Heute sehen wir, wie jede beliebige Vergangenheit in geschichtliche Dimensionen gestemmt wird, wie Männer in der Mitte ihres Lebens sich über ein Zeiträumchen von zwanzig Jahren beugen (siehe die Achtundsechziger), als wäre es eine Epoche. Ist uns die Zukunft dermaßen suspekt, daß wir uns in alles, was einen Rückblick erlaubt, geradezu hineinstürzen?

Der Gewinn aber solchen Gedenkens ist bestenfalls minimal. Wo Buchhalter addieren und wo nicht die Sache selber das Erinnern erzwingt, kann nichts Gescheites herauskommen. Im Grunde lassen uns die Jahrestage herzlich kalt, und die Geburtstagsgrüße versenden wir mit routiniertem Gleichmut. Wo wäre das Datum, das uns wirklich bewegt? In der wachsenden Rotationsgeschwindigkeit der Jubiläen wird alles gleich. Selten, daß einer sich wirklich erwärmt für sein Thema, für seine Figur, daß er uns hinreißt und daß wir mit ihm aus dem Rückblick einen neuen Blick auf uns selber gewinnen. Und was sonst wäre legitim? Alles andere ist kulturelle Nekrophilie.

Sie wird nicht lange mehr dauern können. Wenn die Beschleunigung anhält, wenn wir die Fristen immer mehr verkürzen, wenn die Jubel- und Trauermaschine sich heiß läuft, dann rettet uns auch der Vorschlag des schlauen Philosophen Jean Baudrillard nicht mehr: Man möge die neunziger Jahre einfach abschaffen und direkt zum Jahr 2000 übergehen. Dann kommt es zum gigantischen Gedenk-Stau, zur letalen Erinnerungs-Diarrhöe. Ulrich Greiner