Wie die Erinnerung an die Opfer des KZ Neuengamme immer wieder verdrängt wird

Von Viola Roggenkamp

Warum sie denn nicht selbst verhindert hätten, daß nach Kriegsende das ehemalige Hamburger Konzentrationslager Neuengamme als Gefängnis genutzt wurde. Knut Nevermann, SPD-Staatsrat der Hamburger Kulturbehörde, fragt das die vor ihm sitzenden Damen und Herren. Sie starren den grauhaarig gewordenen großen Jungen mit der forschen Stimme und dem unterkühlten Vokabular fassungslos an.

Eine Generation liegt zwischen ihnen und ihm. Die ihm zuhören, gehören der Generation seiner Eltern an. Doch er ist Deutscher, und vor ihm sitzen ehemalige KZ-Häftlinge aus Belgien, Frankreich, Holland und Ungarn, stellvertretend für Menschen aus 16 Nationen, darunter auch deutsche Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie haben Neuengamme überlebt, sind dieser Hölle halbtot entkommen, doch psychisch wie physisch für immer geschädigt. Von 106 000 Menschen (darunter 90 000 aus dem Ausland) starben 55 000, systematisch vernichtet durch Hunger, mörderische Arbeitsbedingungen, medizinische Experimente, Folter, Gas und Exekution.

Hamburgs ehemaliges KZ Neuengamme ist für sie heute ein heiliger Ort. Ein Ort, wo ihre Angehörigen und Freunde sterben mußten, "Erde, die sie unauslöschbar mit ihren Leiden, mit der Hoffnung getränkt haben, kommenden Generationen das Glück zukommen zu lassen, frei in Frieden und Verständnis zu leben", schrieb aus Paris Renee Aubry, Präsidentin der Amicale Internationale de Neuengamme, an Hamburgs Ersten Bürgermeister Henning Voscherau.

Neuengamme ist ein Friedhof, denn hier sind Menschen gestorben, deren Leichen in Massengräbern verscharrt oder aber im KZ-Krematorium verbrannt wurden. Die Asche ist damals als Dünger über das Gelände verstreut worden. Neuengamme wird aber im Gegensatz zu allen anderen Konzentrationslagern im Yad Vashem, in Jerusalem, nicht als heiliger Ort genannt, weil dieser Friedhof Neuengamme im Angedenken an 55 000 Tote von der Stadt Hamburg eben nicht heilig gehalten wird. Seit 1948 befindet sich auf dem Gelände des Konzentrationslagers ein Gefängnis; inzwischen sind es zwei, und weitere Gefängnisbauten sind geplant. Neuengamme wurde in Vierlande umbenannt.

Die seit 40 Jahren immer wieder vorgebrachten Forderungen der internationalen Organisationen der ehemaligen KZ-Häftlinge, die Gefängnisanstalten zu verlegen, werden von der Stadt Hamburg ebenso lange kühl zurückgewiesen. Justizsenator Wolfgang Curilla heute: "Das würde 100 Millionen Mark kosten, und die hat die Stadt nicht. Außerdem würden bei jedem anderen Standort die Anwohner protestieren." Gegen den Standort Neuengamme protestieren, wie es scheint, nur die hartnäckigen Zeugen der Vergangenheit.