Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Januar

Am Tag seines größten Triumphes ging der Inspirator des Neuen Denkens in New York in eine unscheinbare Kapelle. Auf dem Olymp der Nationen im UN-Glaspalast hatte Michail Gorbatschow soeben den "Primat universeller menschlicher Werte" über Klassenkampf, französische und russische Revolution verkündet. Zu ebener Erde, unter einem schlichten Kreuz, stand der geistige Vater dieser Abkehr vom alten Testament der kommunistischen Schöpfungsgeschichte: Alexander Jakowlew. Der 65jährige Historiker, Politbüromitglied und als Leiter der außenpolitischen Kommission Gorbatschows Chefdenker der sowjetischen Globalstrategie, verhieß einer kleinen Schar von Methodistenfrauen und Friedensaposteln mit schlichten Worten eine bessere, brüderliche Welt.

Hielt da ein Saulus, der zum Paulus wurde, innere Einkehr? Nicht im religiösen Sinne. Wohl aber schwang im fast familiären Zwiegespräch mit der winzigen Gemeinde, in den persönlichen Erinnerungen an "meine schon damals gegenüber der Sowjetunion aufgeschlossenen amerikanischen Kommilitonen" eine diskrete Andeutung von Schuld und Sühne mit. Denn auf seltsame, verquere Art ist Amerika lange das Kreuz dieses ansonsten weltoffenen marxistischen Freigeistes geblieben, der aus alten Theorien neue Impulse gewann – ein Kreuz, das sein Denken dann eben doch wieder unter Dogmen zu beugen schien.

Als einer der ersten sowjetischen Austauschwissenschaftler hatte der Mann von der Moskauer Parteiakademie für Sozialwissenschaften Ende der fünfziger Jahre die New Yorker Columbia-Universität besucht. "Unser sowjetischer Freund aus religiösem Hause, dessen Vater noch die Bibel dabeihatte", so erinnerte sich jüngst Loren Graham, amerikanischer Historiker und Ex-Kommilitone Jakowlews, "besaß genauso wenig Geld wie wir. Uns zog es damals oft in die West-End-Bar, der ‚Hamburger‘ wegen. Und er kam auch nicht selten zu mir nach Hause – 248 West 105. Straße."

Westliches Denken erfaßte der hochintelligente, zu jener Zeit 35jährige Russe, der schon mit 18 Jahren in den Krieg ziehen mußte, sehr schnell. Doch die Repräsentanten der amerikanischen Weltmacht blieben für den Anhänger eines mehr theoretischen als proletarischen Internationalismus für ein Vierteljahrhundert die erklärten Antipoden – ähnlich ablehnend und schroff trat er allerdings auch immer wieder gegen russische Nationalisten auf.

Während sich Jakowlew in Moskau in Geschichtswissenschaften habilitierte und im Propagandaapparat der Partei steil emporstieg, beschrieb er in Büchern die amerikanische Außenpolitik, recht polemisch und eindimensional. Noch Mitte der achtziger Jahre traute er der "militärisch-politischen Führung der Vereinigten Staaten" zumindest "Kalkulationen" über die "direkte Entfesselung eines Krieges gegen die Sowjetunion" zu (Literaturnaja gasjeta, 26. Juni 85).