Ein hochgewachsener Mann, hager, zerknittert, sehr aufrecht, scharf": so beschrieb Robert Neumann in den sechziger Jahren Axel Eggebrechts äußere Erscheinung. Die Beschreibung trifft auch heute noch zu, gut zwanzig Jahre später. Nur daß Eggebrechts Gestalt noch schmaler, sein Profil noch schärfer, sein Gesicht noch hagerer geworden ist – dies Gesicht mit den wachen Augen, das immer mehr dem eines alten klugen Vogels gleicht.

Nun wird Axel Eggebrecht neunzig Jahre alt. Aber noch immer verschmäht er die Privilegien, die man den Alten gern und gratis zugesteht: beschaulichen Ruhestand und abgeklärte Altersweisheit, jenseits von Gut und Böse. Beharrlich und lustvoll spielt er lieber die Rolle des Aktivisten im Unruhestand, des republikanischen Predigers, des Sympathisanten der aufgeklärten (nicht abgeklärten) Vernunft. Und auch als Patriarch (dem jede Neigung zum Praezeptoralen fehlt) gibt er sich noch immer als Optimist zu erkennen, der ungebrochen an den Fortschritt und unverdrossen an die Aufklärung, die "Erziehung des Menschengeschlechts", glaubt. Seine Autobiographie "Der halbe Weg" mündet in die Sätze: "Ganz sicher ist ein Grundzug meines Wesens der durch nichts zu erschütternde Optimismus ... Der Glaube an die Vernunft ist meine Religion."

Erstaunliche Sätze eines Mannes, der 355 Tage älter ist als dieses Jahrhundert und seine Katastrophen am eigenen Leib erlebt und erlitten hat. Voll Begeisterung rannte er in den Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde. Wandernde Granatsplitter zwingen ihn später mehr als zwanzigmal auf den Operationstisch. Aber den Krieg erlebt er vor allem als Abenteuer, und abenteuerlich sind auch die Jahre danach, in denen er sich bei den Freikorps herumtreibt, bis ein antisemitischer Zwischenfall ihm schließlich Gewissen und Bewußtsein schärft. "Der Krieg erzieht keinen", resümiert er später diese Erfahrung.

Der junge Eggebrecht politisiert sich nach links, schließt sich den Kommunisten an, reist nach Moskau, hört Trotzki auf dem Roten Platz reden, beobachtet die Anfänge des Stalinismus, erlebt Rivalität und Ranküne unter den deutschen Genossen. Schon 1925, viel früher als die Koestler und Kantorowicz, verläßt er wieder die Partei – um sich fortan keiner anderen mehr anzuschließen. Er lebt nun in Berlin, angezogen vom Flitter der "Goldenen Zwanziger Jahre", findet Kontakte zur Filmbranche, entdeckt das junge Medium Rundfunk, beginnt zu schreiben: Drehbücher, Kritiken, Beiträge für linksbürgerliche Blätter wie die berühmte Weltbühne. Deren erster Chefredakteur Siegfried Jacobsohn wird sein Förderer und Vorbild. Das erste Buch erscheint, der Essayband "Katzen", über den Tucholsky schreibt: "Die feine Hitze des Gehirns, die Formgewandtheit, die leichte Geschmeidigkeit – wir haben nicht soviel Autoren, die das können."

Eggebrechts knappe, schnörkellose Prosa im Stil der Neuen Sachlichkeit (und so federleicht und konturenscharf schreibt er noch heute) ist auf der Höhe der Zeit. Aber zeitgemäßer ist eine neue Romantik voll realer Schrecken. Die Nazis stecken Eggebrecht für einige Monate ins Lager, belegen ihn danach mit Berufsverbot. Er schlägt sich durch als Drehbuchautor für Unterhaltungsfilme; aber zwischen 1933 und 1945 erscheint von ihm keine einzige gedruckte Zeile.

Als der Krieg zu Ende ist, ist Eggebrecht 46 Jahre alt. Zu alt, um sich noch ganz für die Literatur entscheiden zu können. Wahrscheinlich hätte dies auch gar nicht seinen Bedürfnissen entsprochen. In "Der halbe Weg" heißt es: "Mein Beruf wurde der Hörfunk. In ihm sehe ich ein ideales Instrument des Literaten, der unmittelbar auf die Umwelt wirken will... Das Ohr nimmt konzentriert auf, was ihm dargeboten wird. Deshalb wirkt der so gern totgesagte Hörfunk nachhaltiger als das flimmernde Bild."

Diese Wahrheit erscheint heute anachronistisch. Aber zweifellos hatte das Radio in den ersten Nachkriegsjahrzehnten seine große Zeit. Und Eggebrecht war einer seiner Protagonisten, phänomenal bekannt überall dort, wo man ihn hören konnte – etwa unter dem schlichten Sendetitel: "Axel Eggebrecht spricht". Autoren wie er gaben dem Medium jenes Ansehen, von dem es heute noch zehn und das das Fernsehen nie zu erlangen vermochte. Doch hielt es ihn nicht lange in offiziellen Ämtern. Als die zweite deutsche Republik zu prosperieren begann, da probte Eggebrecht den strategischen Rückzug, schrieb seine Features, Kommentare und Kolumnen als kritische Feldzüge gegen die Verdrängungskünste und Lebenslügen der Bundesrepublik, kulminierend in den Berichten vom Frankfurter Auschwitz-Prozeß. Resignation war niemals seine Sache, und noch die Enttäuschungen verwandelte er in produktiven Zorn. "Die zornigen alten Männer" hieß ein Sammelband, den er als Achtzigjähriger herausgab.

Seither hat er wenig publiziert und war doch unermüdlich aktiv: als passionierter, zuweilen jugendlich flammender Vortrags- und Debattenredner, der seiner größten Neigung und glänzendsten Begabung nachgibt: der Kunst der freien Rede. In ihr tun es im wenige gleich. Unmöglich, von diesem Eggebrecht nicht gefesselt zu sein. Wer ihn auf irgendeinem Podium, vor dem Mikrophon oder der Kamera erlebt, staunt immer aufs neue über seine geistige Beweglichkeit, seine rhetorische Spontaneität, seinen intellektuellen Charme. Und über den unerschütterbaren Optimismus, mit dem er die schwierigste aller Pflichten anmahnt: "die Pflicht, glücklich zu sein". Hanjo Kesting