Von Lutz Reidt

Waldbäume könnten wieder ergrünen, mehr Laub und Nadeln tragen und es sei zu hoffen, daß die für neuartige Waldschäden so typischen Vergilbungen verschwänden. Das meint jedenfalls Horst Bannwarth vom Institut für Naturwissenschaften und ihre Didaktik der Universität Köln. Bannwarth hat konkrete Vorstellungen, wie dies zu bewerkstelligen sei: "Man müßte den Gips, der bei der Rauchgasentschwefelung in Braunkohlekraftwerken anfällt, gemeinsam mit der Asche als Bodenstabilisat in den Wald einbringen."

Auf den ersten Blick hat dieser Vorschlag durchaus etwas für sich: Jahr für Jahr fallen rund eine Million Tonnen "REA-Gips" bei der Rauchgasentschwefelung (REA) in Braunkohlekraftwerken an. Die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke als Betreiber der meisten Braunkohlekraftwerke sehen in der Baustoffindustrie kaum Absatzmöglichkeiten; schon die rund 2,5 Millionen Tonnen REA-Gips aus den Steinkohlekraftwerken finden bislang nicht in vollem Umfang ihren Markt. Da klingt es dann durchaus verlockend: Der übersäuerte Waldboden regeneriere sich, weil die Calcium-Ionen des Gipses (alias Calciumsulfat = CaS0 4 ) die Säure abpuffern. Durch diese neutralisierende Wirkung wäre auch die stark basische Asche "düngefähig", wie Bannwarth auf der Umwelt-Seite der Tageszeitung Die Welt verlautbarte. Schließlich enthält die Asche mit Calcium und Magnesium Nährelemente, die der Wald braucht. Zur "Düngung und Aufbesserung der Basenqualität der Böden" sollen bis zu zehn Tonnen von diesem Gips-Asche-Gemisch pro Hektar aufgebracht werden. "Da die meisten Waldböden tiefgründig versauert sind, könnte man aber ruhig noch mehr nehmen und dies gegebenenfalls nach ein bis zwei Jahren wiederholen", meint Bannwarth.

So also soll der deutsche Wald "gerettet" werden. War der Milliardenaufwand für die Rauchgasentschwefelung etwa vergebens? Hat man mit ihr gar dem Wald mehr geschadet als genutzt, wie Bannwarth vor einiger Zeit im Magazin Der Spiegel mutmaßte, so daß sie auf diese Weise quasi wieder "rückgängig" gemacht werden muß?

Wie auch immer, die ökologischen Risiken einer solchen "Umkehr" sind im einzelnen schwer abzusehen. Nach Bannwarth’s Vorschlag würde allerdings dem Wald eine Sulfatmenge verabreicht, die dem dreißigfachen des jährlichen Schwefeleintrages entsprechen kann. "Und die Böden werden das Sulfat kaum speichern können", warnt der Bodenkundler Bernhard Ulrich vom Forschungszentrum Waldökosysteme/Waldsterben in Göttingen. "Es sickert durch und landet früher oder später im Grundwasser."

Wie lange dieser Prozeß dauert, ist schwer abzuschätzen. Freilandversuche mit dem Gips-Asche-Gemisch fanden bislang nicht statt. Erfahrungen mit sulfathaltigem Magnesiumdünger geben jedoch zu denken: "Innerhalb von zwei Jahren haben die Böden bis zu 70 Prozent des aufgebrachten Sulfates wieder verloren", berichtet der Bodenkundler Martin Kaupenjohann von der Universität Bayreuth über Düngeversuche im Fichtelgebirge. Der Rest wird im Boden gespeichert – zunächst.

Ob dieser Speichereffekt auch bei dem Gips-Asche-Gemisch eintritt, ist fraglich. "Und selbst wenn, dann bestimmt nicht für immer und ewig", warnt der Bodenkundler Robert Mayer von der Universität Kassel. Bei einem Versauerungsschub könne das Sulfat "auf einen Rutsch ins Grundwasser rauschen". Die ökologischen Folgen sind bekannt: "Gerade bei den tiefgründig versauerten Böden", mahnt Michael Schmidt vom Umweltbundesamt, "wird gemeinsam mit dem Sulfat auch Aluminium ausgewaschen." Dieses Aluminium ist giftig für Pflanzen, Kleinlebewesen – und auch für Fische: im Harz erfahren das manche Fischzuchtbetreiber im Frühjahr. Bei der ersten Schneeschmelze wird in einem regelrechten Versauerungsschub Aluminium in großen Mengen gelöst; werden die Fischteiche nicht rechtzeitig abgeschottet, schwimmen am nächsten Morgen die Forellen "kiel-oben".