Von Helmut Becker

Tokio, im Januar

Ich bin entschlossen, das kommende Jahr für Reformen unseres politischen Lebens zu nutzen", verkündete Japans Premier Noboru Takeshita bei seiner Pressekonferenz zu Silvester 1988. "Andernfalls kann ich der Öffentlichkeit nicht mehr mit reinem Gewissen begegnen." Die Gewissensbisse des japanischen Regierungschefs kommen spät, aber nicht von ungefähr. Denn kaum hatte Takeshita nach Weihnachten ein neues Kabinett als Reaktion auf den ausufernden Recruit-Bestechungsskandal mit dem Attest vorgestellt, die Regierungsmannschaft sei politisch integer, wurde er von den Realitäten korrigiert: Ausgerechnet der neue Justizminister Takashi Hasegawa hatte sich seit zwölf Jahren das politische Tagesgeschäft durch Recruit-Spenden von vergleichsweise läppischen 90 000 Mark erleichtern lassen.

Was sonst als maßvolles Inkasso gegolten hätte, geriet dem neuen Justizminister bei der gegenwärtig erhöhten Sensibilität gegenüber der Politik des großen Geldes zum Verhängnis. Vier Tage nach Amtsantritt mußte Takeshita den Minister bereits in Pension schicken, nachdem bereits Finanzminister Kiichi Miyazawa Anfang Dezember über die Recruit-Affäre gestürzt war.

Bei der Nachfolge für den Viertageminister schien der selbst in den Recruit-Skandal verwickelte Regierungschef auf Nummer Sicher gehen zu wollen, denn er vermied alle Aspiranten aus der Politik und ernannte einen Richter am Obersten Gerichtshof. "Die Zahl vertrauenswürdiger Politiker scheint verschwindend gering geworden zu sein", erklärte die Tageszeitung Yomiuri Shimbun. Das Blatt, dessen Vizepräsident ebenfalls über dubiose Aktienkäufe von Papieren der Recruit-Tochter Recruit-Cosmos stolperte, hat nur halbwegs recht. Denn in Japan erhält nicht erst heute im öffentlichen und privaten Leben permanenter Austausch von großen und kleinen Geschenken die Freundschaft. Vor allem das politische Geschäft ist derart aufwendig, daß eiserne Unbestechlichkeit ebenso deplaciert erscheint wie allzu enge moralische Maßstäbe. Die seit gut vier Jahrzehnten ununterbrochene Herrschaft der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) schafft die ideale Voraussetzung für Verfilzung.

Kein Wunder, daß es eines Riesenskandals wie den scheinbar wahllos Hunderten von Prominenten zugesteckten Recruit-Millionen bedurfte, um der japanischen Öffentlichkeit den Sinn für "die systembedingte strukturelle Korruption" zu schärfen, die der Generalsekretär der oppositionellen Sozialistischen Partei Japans, Tsuruo Yamaguchi, geißelte.

Für diese strukturelle Korruption fehlt es nicht nur bei den Politikern und Mächtigen an jedem Unrechtsbewußtsein. Amt und Würden werden von der konfuzianischen Gesellschaft fast zwangsläufig mit persönlicher Bereicherung gleichgesetzt. Aber daß ein Skandal dieses Umfangs an die Öffentlichkeit dringen konnte, hat die Nation ebenso geschockt wie die Versuche der Ertappten, die Wahrheit zu verschleiern, Sündenböcke vorzuschieben und neben der Politik auch die ohnmächtige Justiz der Lächerlichkeit preiszugeben.