Von Klaus Fußmann

Das Kunststück zu bringen, alt und jung zugleich zu sein, ist bisher nur der modernen Kunst gelungen. Sie ist jetzt gut über hundert Jahre alt und geriert sich immer noch jung: sie ist immer noch Avantgarde – wie eh und je. Obwohl längst etabliert und offiziell geworden, bleibt sie empfindlich, nimmt übel, und wer die zeitgenössische Moderne kritisieren will, hat einen schweren Stand. Von Hans Sedelmayr, Hans Platschek, Carl Hofer, bis hin zu Tom Wolfe mit seinem "gemalten Wort", sind alle, die dagegen waren, durch tatkräftige Beschützer aus dem Felde geschlagen worden. Die Kritik wurde förmlich verschluckt, verschwand im Verlaufe des Kunstgeschehens. Warnung wie Mahnung, Aufrufe zur Besinnung, alles verhallte bald wieder, zurückbleibend hinter den immer weiter vorwärts stürzenden Kunstereignissen. Vielleicht abgesehen von Hans Sedelmayrs Buch vom "Verlust der Mitte", welches nun wirklich einigen Ärger verursacht hat, waren die Bremsversuche schnell vergessen. Die Kritiker der Moderne bekamen außerdem sehr bald, wie Hofer und auch Platschek, die Quittung: Sie wurden zu Ausstellungen nicht eingeladen, nicht besprochen, kurz, man machte einen Bogen um sie.

Weder Revolutionäre noch Streithammel

Die Künstler zogen schnell ihre Lehren daraus, und so ist es geblieben: Ein jeder weiß heute, daß es nicht lohnt, sich mit der modernen Kunst und erst recht nicht mit der Kunstpolitik anzulegen. Man begegnet sich freundlich, findet im Grunde alles und jedes diskutierbar und ist im übrigen auf seinen eignen Vorteil bedacht. Von Revolutionären wie Courbet oder von Streithammeln wie van Gogh oder Nolde kann da keine Rede sein.

Es ist also Ruhe eingekehrt im Kunstbetrieb, trotz aller Martialität und Großspurigkeit, und trotz aller Querelen bleibt der Konsens zur Moderne erhalten. Alles wird heute dem Kunstbetrieb entschuldigt. Selbst Witzbolde, die sich im Künstlerpelz für einige Tage im Museum tummeln, dann mit Gelächter die Maske fallenlassen, gerade als man anfing, ihnen dort zu huldigen, werden nicht als Symptome der eigene Täuschbarkeit gewertet, sondern als Kriminelle, die man am besten ganz schnell vergißt.

Die Moderne, man könnte auch sagen das Moderne, belächelt sich zwar gern selbst, hat sogar absolute Narrenfreiheit, darf aber nicht ausgelacht werden; da ist man wieder empfindlich und spricht von Banausen und Spießern. Die moderne Kunst ist heute fein raus. Es ist unvorstellbar, daß irgendeine Verwirrung oder Verirrung der heutigen Kunst etwas anhaben kann, weder die Wölfe im Schafspelz noch die Entrüstung des Volkes (die schon mal gar nicht), können ihr etwas anhaben. Sie kann sich nicht einmal selbst umbringen, denn sie ist dies und das und das auch wieder nicht und im übrigen immer schon weiter. Die jetzige Kunst ist unangreifbar. Doch aus welchem Grunde?

In den letzten vierzig Jahren stürzt die Moderne ununterbrochen voran, das ist ihr Markenzeichen geworden: immerwährende Innovation, stetige Veränderung, Neuerungen, Wechsel. In immer größeren Ausstellungen, eine noch größer als die andere, wird uns das vorgeführt. Kaum haben wir versucht, uns einzusehen, sind wir schon wieder mit Neuerem konfrontiert. Die Kunst von heute ist wie der Swinegel, der immer schon da ist, wenn wir ankommen, oder besser schon wieder weg ist, wenn wir anlangen. Die jetzige Kunst zeigt sich jeweils nur kurz und ist nie das, was man sieht.