Das Jahr 1988 war für den Sowjetbürger Jahr des Bildschirms. Was in den Läden und am Arbeitsplatz fehlte, Konsumgüter und Neues Denken, das brachte ihm der Telewisor, der Fernseher, in die gute Stube. Volle Supermärkte in Japan; Initiativen amerikanischer Selfmade-Männer und -Frauen; einen vom Bonner Korrespondenten mit dem eigenen Dienstwagen getesteter Auto-Service in der Bundesrepublik.

Tendenz dieser Lehrstücke in den Nachrichtensendungen: Nur westliche Methoden können uns in die Zukunft führen. Die sowjetische Vergangenheit als erster Kreis der Hölle: Stalins Terror in Diskussionsrunden, die noch vor Jahresfrist unvorstellbar erschienen; die Kamera im Gerichtssaal; Filmaufnahmen von blutigen Schlägereien und Terrorakten sowjetischer Jugendbanden; der dramatische Schlagabtausch zwischen Reformern und Dogmatikern auf der 19. Parteikonferenz bis zum spektakulären Showdown der erbitterten Gegner Jelzin und Ligatschow; dazwischen der völlige Ausfall von Glasnost: Informationen über die baltischen Unruhen, so tendenziös wie die NDR-Berichte über Schleswig-Holstein während der Barschel-Affäre. Dann wieder die apokalyptische Bilderflut aus dem armenischen Erdbebengebiet, die alle bisher üblichen Grenzen der Berichterstattung übersteigt.

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Wenn in den siebziger Jahren alle paar Monate eine flüchtige Reformidee oder eine politisch gewagte Szene über den Bildschirm flimmerte, mußte ich immer erst aufspringen und einen Notizblock suchen. Heute liegt ein Set von Kugelschreibern und bunten Filzstiften für einzelne Themen neben dem Fernseher. Den vorletzten Werktag im alten Jahr, den 30. Dezember 1988, wollte ich ohne Filzstift ausklingen lassen – in Pantoffeln vor dem Ersten Programm, wie Millionen Sowjetbürger. Doch aus dem Abschalten vor der Mattscheibe wurde nichts.

Mein ältester Bildschirm-Gast aus den siebziger Jahren ist Igor Kirillow, Chefsprecher der Tagesnachrichten. Igor war viele Jahre der erste Tonsetzer und Lautmaler einer ikonisierten Nachrichtenwelt. Am 11. November 1982 hatte er um elf Uhr unter Tränen die Meldung vom Ableben Leonid Breschnjews verlesen. An diesem 30. Dezember 1988 nun verkündet er mit leicht nachbebender moralischer Entrüstung die Verurteilung von Breschnjews Schwiegersohn Jurij Tschurbanow zu zwölf Jahren Gefängnis wegen Bestechung ...

Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle? Häufig genug noch – aber nicht aus Bonn. Die Bundesrepublik hat ein völlig neues Profil erhalten durch die immer frisch wirkende Berichterstattung von Wladimir Kondratjew. Während seine Vorgänger endlose Kolonnen von Arbeitslosen und als Stempelgänger drapierte DKP-Agitatoren ins Bild rückten, zeigt Kondratjew die Bundesbürger vor allem als kleine und große Meister der Infrastruktur.

An diesem Abend belegt er positive Konjunkturerwartungen mit ein paar Bildern fleißigen Schaffens, zeigt dann noch einmal den Abzug der Pershing II und sagt: "Die Menschen in der Bundesrepublik kümmern sich am Ende des Jahres nur noch um eine Art von Raketen." Bildschnitt: Bundesbürger beim Einkauf von Feuerwerkskörpern. Bildschnitt: Kondratjew, mit einer Silvester-Rakete in der Hand, erläutert lächelnd das deutsche Knall-Wesen, steckt die Rakete in eine leere Sektflasche, entzündet sie und sagt im Funkensprühen: "Auf einen weiteren Aufschwung in den deutsch-sowjetischen Beziehungen."