Von Robert Frank

Ein "Gipfel der Geschmacklosigkeit" war das Reichstagsgebäude für Wilhelm II., aber August Bebel fand es schön. Hermann Muthesius, Mitgründer des Deutschen Werkbundes, nannte es einen "Schöpfungsbau", mit dem "ein neuer Zeitabschnitt in der deutschen Baukunst begann", aber der Berliner Stadtbaurat Martin Wagner dachte in den zwanziger Jahren an Abriß. Die Diskussion über das "anspruchsvollste Denkmal des abscheulichen ‚Wilhelminismus‘" – wie Werner Hegemann das Reichstagsgebäude hieß – wird auch ein Jahrhundert nach der Schlußsteinlegung durch Wilhelm II. fortgesetzt, dafür werden die Gedenktage des politischen Protokolls sorgen: 1994 der 100. Jahrestag der Einweihung des Reichstagsgebäudes in Berlin und 1995 die 500-Jahr-Feier des ersten Reichstages des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu Worms am Rhein.

Die Konservatoren warnen vor der erklärten Absicht regierender Politiker, das Reichstagsgebäude bis zur Hundert-Jahr-Feier wieder zu einer Großbaustelle zu machen. Zur "Einbeziehung des Reichstagsgebäudes in die 750-Jahr-Feier Berlins 1987" schrieb der Senator für kulturelle Angelegenheiten Berlins am 28. Mai 1985: "Sehr geehrter Herr Präsident, ... das Reichstagsgebäude kann seiner eminenten historischen, politischen und planungsstrategischen Bedeutung in seiner derzeitig geringen Nutzung durch die Öffentlichkeit... nicht gerecht werden ... – "Sehr geehrter Herr Senator", antwortete Philipp Jenninger, damals als Präsident des Deutschen Bundestages auch Hausherr im ehemaligen Reichstagsgebäude: "Es ist mein besonderer Wunsch, den Reichstag möglichst in seiner ursprünglichen äußeren baulichen Gestaltung wiederherzustellen..."

Wiederherstellung des "anspruchsvollsten Denkmals des abscheulichen ,Wilhelminismus‘"? Was unter Wilhelminismus zu verstehen sei, das – meinte Julius Posener – wisse jeder: "Es ist die Architektur des Auftrumpfens." Wilhelm II. steht hier als Galionsfigur für die Zeit seiner Regierung, und eine Galionsfigur sagt so wenig aus über das Schiff wie Wilhelm über die Epoche, die nach ihm benannt wurde, eine Epoche voller Gegensätze: 1883 erhielt Paul Wallot den Auftrag zum Bau des Reichstagsgebäudes, im gleichen Jahr starb Richard Wagner. 1888, im Jahr der Staatstrauer für Wilhelm I., schrieb Gustav Mahler in Dresden seine Erste Symphonie. Wilhelm II. liebte die Heimatromane Ludwig Ganghofers, aber bereits im Jahr vor der Einweihung des Reichstages wurden "Die Weber" von Gerhart Hauptmann im Neuen Theater aufgeführt. Paul Wallot war einerseits ein Bewunderer des französischen Architekten Charles Garnier und beneidete ihn um sein Hauptwerk, die Pariser Grande Opera, andererseits aber galt sein besonderes Interesse den Erfindungen der Ingenieure, und eine Dampfmaschine war für ihn "insofern das höchste Kunsterzeugnis, als der Zweck und die Mittel in einem richtigen Verhältniß zueinander stehen". Es war das Zusammenfügen der Gegensätze, also die Verbindung des historisierenden Brimboriums im steinernen Unterbau mit der neuen Form des Überbaues, der verglasten Stahlkonstruktion der Kuppel, die das Reichstagsgebäude andere Bauwerke der Zeit – wortwörtlich – überragen ließ. Julius Posener schrieb dazu: "Das am meisten Wilhelminische daran ist die glaseiserne Kuppel, also die Wendung zum Neuen."

Die Wendung zum Alten verkündete der vorige Bundestagspräsident vor dem Berliner Abgeordnetenhaus am 29. April 1987 mit seiner festen Absicht, "den Reichstag baulich so zu gestalten, daß er... sich in seiner Architektur an die Rekonstruktion des Stadtbildes in beiden Teilen Berlins anpaßt". Die "Rekonstruktion des Stadtbildes" aber ist heute zum größten Mißverständnis zwischen Denkmalpflegern und Politikern geraten, am Frankfurter Römerberg und am Marktplatz von Hildesheim, bei der "Gestaltwiederholung" des Leibnizhauses in Hannover oder bei der "Nachschöpfung" der Häuser Zum Fuchs I-III in Mainz sogar zum Mißbrauch des Denkmalbegriffs überhaupt. August Gebeßler, der Präsident des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, sprach bereits davon, daß die einmal ernsthaft diskutierte Möglichkeit der Rekonstruktion durch die "politische Indienstnahme inzwischen zu einer Pervertierung des Denkmalthemas führen mußte".

Wie weit soll am Ende die "Rekonstruktion des Stadtbildes" in und um den Reichstag reichen? Was Rekonstruktion – auch des Geschichtsbildes – bedeuten kann, macht der Vorschlag Dieter Herz-Eichenrodes klar, eines deutschen Professors für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, der schon 1985 für die Rückkehr Bismarcks zum Reichstag eintrat, des "Nationaldenkmals für Fürst Otto von Bismarck" von Reinhold Begas, "und wenn nicht alles trügt", so vervollständigte der deutsche Professor seinen Vorschlag, "wird seine Figurengruppe, die den Giebel des Reichstagsportals krönte, bei der Komplettierung des Gebäudes wiedererstehen".

Bei dieser nur ungefähr beschriebenen Figurengruppe auf dem Reichstagsgiebel handelt es sich um "Germania im Sattel". Nach der Kapitulation Frankreichs von 1871 dichtete Georg Herwegh: "Du bist im ruhmgekrönten Morden das erste Land der Welt geworden: Germania, mir graut vor dir!" Nach der Kapitulation Frankreichs von 1940 machte Adolf Hitler den Aufbau der Welthauptstadt "Germania" zur "wichtigsten Bauaufgabe des Reiches". 1988 hat sich die Bundesrepublik Deutschland zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt entwickelt. Sollten wir nicht anstelle der "Germania im Sattel", wenn Figürliches zur Rekonstruktion denn verlangt wird, ein zeitgemäßeres Werk auf den Giebel des Reichstagsportals heben?