Konrad Adenauer schuf das Modell der Kanzlerdemokratie – Was ist in vierzig Jahren daraus geworden?

Von Rolf Zundel

Bonn, im Januar

Helmut Kohl geht ins siebte Jahr seiner Kanzlerschaft, und vom Ende seiner Regierungszeit redet niemand mehr. Eine faszinierende Figur ist er für viele Bürger immer noch nicht; in der Demoskopie wirkt er nach wie vor unscheinbar; er profitiert nicht vom traditionellen Kanzlerbonus. Aber gleichwohl ist er als Kanzler so selbstverständlich geworden, daß die Suche nach Alternativen auch die kritischsten Kommentatoren nicht mehr beschäftigt. In der Union will vorläufig auch niemand mehr gefunden werden.

Einige Vorurteile, die das Bild des Kanzlers geprägt haben, sind in Vergessenheit geraten. Die Vorstellung etwa, Kohl sitze die Probleme aus, paßt einfach nicht mehr zu einem Mann, dessen Regierung ein doch ziemlich schwieriges Reformprogramm durchsetzt, der die schwerfüßige Gesellschaft der EG auf dem Weg zum Binnenmarkt ein gutes Stück voranbringt und der die CDU/CSU-Fraktion mit Ministern seiner Wahl überrascht, ja sogar, was wirklich nicht zu seinen Amtspflichten gehört, letztlich darüber entscheidet, wer Präsident des Bundestages wird.

Die Beobachtung von Pannen und Schwächen, lange Zeit Lieblingsbeschäftigung der Bonner Journalisten, erscheint nicht mehr so ergiebig wie früher – teils weil die Pannen-Anfälligkeit der Kohl-Regierung etwas nachgelassen hat, teils weil Kohls Regierungsstil wenn schon nicht akzeptiert, so doch als unveränderlich hingenommen wird. Der Kanzler, so schildert es einer seiner Mitarbeiter, "ist wie ein schwerer Eichenschrank, an dem man sich zwar immer wieder stößt, den zu verrücken aber alle aufgegeben haben". "Wir haben", so drückte es ein anderer aus, "den Normalfall der Kanzlerdemokratie." Bonn sich ohne Kohl vorzustellen – es gelingt nicht mehr.

Normalfall der Kanzlerdemokratie? Zwar hat sich an der verfassungsrechtlichen Ausstattung des Kanzlers seit Adenauer so gut wie nichts geändert. Aber das Grundgesetz allein macht noch keinen starken Kanzler, auch haben nicht alle starken Kanzler auf die gleiche Art gearbeitet. Vor allem aber haben sich die Bedingungen der Kanzlerdemokratie seit Adenauer drastisch verändert.