Wenn unser Planet überleben soll, muß aus Weltpolitik Umweltpolitik werden

Von Horst Bieber

Die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers dauerte zehn Minuten. In diesen zehn Minuten starben auf unserer Erde 270 Kinder an Unterernährung und an vermeidbaren Krankheiten, wurden rund um den Globus 300 Hektar Wald vernichtet, waren zwölf Millionen Flüchtlinge, aus ihrer zerstörten Umwelt vertrieben, auf der Suche nach einer Herberge. Den allermeisten, die sich die Ansprache anhörten, ging es gut: Sie saßen warm im Trockenen, waren satt und ausreichend gekleidet und ohne Angst um das Morgen. Die apokalyptischen Reiter wüteten fernab: im Elendsgürtel der Erde, der sich von Bolivien über Burundi bis Bangladesh erstreckt.

Hunger, Pestilenz, Krieg und Tod – in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten haben wir die vier Reiter der biblischen Offenbarung in der industrialisierten Wohlstandszone der nördlichen Halbkugel kräftig an die Kandare genommen. Der Hunger ist in diesem Landstrich ganz besiegt, die Pestseuchen sind verdrängt. Mehr denn je dürfen wir hoffen, auch den dritten Reiter auf Dauer zu verjagen: den Krieg. Nur den Tod müssen wir nach wie vor fürchten: Er ereilt uns später, seit der Jahrhundertwende hat sich das durchschnittliche Lebensalter fast verdoppelt, doch wir entgehen ihm am Ende nicht.

Ein stolzer Erfolg, dieser Sieg über die Reiter der Apokalypse, aber nur ein halber Erfolg. Dem Süden der Erde blieb solcher Fortschritt verwehrt; Hunger, Pest und Krieg bedrohen ihn wie eh und je; und der Tod kommt allzu oft als brutale Verkürzung, nicht als Erfüllung. Obendrein müssen die Menschen im Norden unversehens erkennen: Die Reiter haben kehrtgemacht, sie nähern sich wieder – und in gestrecktem Galopp.

Sie tragen nun andere Namen. Sie heißen: Klima-Katastrophe (Ozonloch und Treibhauseffekt); Umweltverschmutzung; Verschwendung der Bodenschätze und Energiereserven; Übervölkerung. Werden wir auch mit ihnen fertig werden? Werden Nord und Süd, arm und reich endlich begreifen lernen, daß sie auf dieser Erde nur überleben können, wenn sie gemeinsam an einem Strang ziehen – und in dieselbe Richtung? Tun sie es nicht, wird der globale Zusammenbruch nicht zu vermeiden sein.

Lippenbekenntnisse zur gemeinsamen Verantwortung, hinter denen sich Nicht-Wollen und Nicht-Wissen verbergen, reichen nicht mehr aus. Zum ersten Mal spüren wir die weltweite Verkettung von Ursachen und Wirkungen. Wenn für amerikanische Schnellimbisse brasilianische oder mittelamerikanische Tropenwälder vernichtet werden, damit dort Futter-Soja für Hamburger-Vieh angebaut werden kann, ändert sich das Klima, es kommt zu Jahrhundert-Dürren im amerikanischen Weizengürtel. Wenn in Nepal die Bergwälder verfeuert werden, leidet Bangladesh unter immer schlimmeren Überschwemmungen, weil das Regenwasser nun direkt abfließt. Wenn im äquatorialen Afrika der Wald abgeholzt wird, damit tropische Edelhölzer exportiert werden können, wächst die Wüste, hungern Millionen.