Wenn gilt, daß Männer Geschichte machen, Frauen hingegen die Zukunft gestalten, stimmt Margaret Thatchers Neujahrsbotschaft hoffnungsfroh: Das Jahr 1989 sei "das vielversprechendste des Jahrhunderts", verkündete die ansonsten so nüchterne Lady. Ihr Optimismus überstrahlte alle Verheißungen und Versprechungen. Prognosen und Prophezeiungen, die ihre Kollegen an anderen Orten der Welt in Blei gießen ließen.

Michail Gorbatschow etwa zeigte zur Jahreswende zwei Gesichter. Mit Blick auf seine innenpolitischen Reformen legte der Kreml-Chef die Stirn in Falten: "Perestrojka hat große Erwartungen in der Gesellschaft erweckt, aber die Veränderungen kommen nicht so schnell, wie wir das alle gerne hätten." Niemand dürfe damit rechnen, daß "Manna vom Himmel" falle.

Voller Optimismus zeichnete Gorbatschow hingegen das Verhältnis zur westlichen Supermacht. In einer Botschaft an das amerikanische Fernsehpublikum verbreitete er Zuversicht über "die Zukunft unserer Beziehungen". Mit seinem Dank für die Katastrophenhilfe an Armenien verband er die "Einsicht, daß alle Menschen, die auf dieser Erde leben – wie sehr sie sich auch unterscheiden mögen, tatsächlich eine einzige Familie sind".

Aus dem Weißen Haus schallte es herzlich zurück. Auch Ronald Reagan gab sich "zuversichtlich, daß die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern auf dem positiven Kurs verbleiben, auf dem sie sich in dem zu Ende gehenden Jahr befanden". Als Neujahrsgeschenk präsentierte der Präsident seinen Vize und Nachfolger: "Ich weiß, daß George Bush auf demselben Kurs mit dem gleichen Einsatz voranschreiten wird."

Bei ihren ersten Schritten in die Zukunft fielen derweil andere bereits auf die Nase. Jugoslawiens Regierung scheiterte schon zwei Tage vor dem Neujahrsgeläut mit ihrem Wirtschaftsprogramm 89 im Parlament und trat zurück; Japans neuer Justizminister, selbst in den Skandal um die Parteienfinanzierung verwickelt, den er aufklären sollte, nahm nach viertägiger Amtszeit seinen Abschied.

Illusionslos auch der Auftakt der spanischen EG-Präsidentschaft. Außenminister Fern’andez Ord’oñez sieht Madrid in der "Rolle als Kameltreiber" Richtung Binnenmarkt. Bleibt abzuwarten, wie weit die Karawane bis Juli zieht. François Mitterrand beschwört derweil europäische Visionen: "Nur ein politisch geeintes Europa kann sich gegenüber den Mächten behaupten, die in der Welt dominieren."

Freilich, erste Neujahrsblüten welken schon. Das Angebot des nordkoreanischen Präsidenten Kim Il Sung zu Gesprächen über die Wiedervereinigung des geteilten Landes stieß in Seoul auf Skepsis; Waffenstillstandsofferten der Regierung in Kabul fanden bei den afghanischen Moslem-Rebellen kein Gehör.