ZEIT: Herr Hensche, die IG Druck droht wieder einmal mit Streik. Ist das angesichts ihrer strapazierten Kassenlage nicht nur Theaterdonner?

Hensche: Die Kassenlage ist in Ordnung. Überdies drohen wir nicht mit Streik, sondern wir sehen uns gezwungen, Arbeitskampfmaßnahmen ins Auge zu fassen. Der Bundesverband Druck hat die Anhänge zum Manteltarifvertrag gekündigt. Das ist das Herzstück unseres Tarifwerks in der Druckindustrie. Es regelt unter anderem die Besetzung von Maschinen und die Tätigkeiten der Facharbeiter.

ZEIT: Besetzungsregeln von Druckmaschinen erinnern an die Forderung einer englischen Gewerkschaft, die den Heizer auf der E-Lok festschreiben wollte.

Hensche: Bisher hat kein Unternehmer behauptet, daß die Zahl der vorgeschriebenen Fachkräfte generell zu hoch ist. Mir scheint die Kündigung der Anhänge ein Vorhutgefecht zum Thema EG-Binnenmarkt zu sein. Die Unternehmer möchten offenbar freie Hand haben.

ZEIT: Durch die Öffnung des EG-Binnenmarktes wird sich der Wettbewerb verschärfen. Erfordert der Konkurrenzdruck nicht größere Flexibilität?

Hensche: Zur Zeit exportiert die deutsche Druckindustrie dreimal soviel wie an Druckprodukten eingeführt wird. Deutsche Tiefdruckereien schnappen überall in Europa den Konkurrenten die Aufträge weg – trotz sechs Wochen Urlaub, trotz der 37-Stunden-Woche, trotz des freien Samstags, trotz der Besetzungsregeln und Manteltarifanhänge. Insofern handelt es sich in der Druckindustrie um die Gespensterfurcht, die wir seit Bismarcks Zeiten kennen.

ZEIT: Kann diese Furcht nach 1993 nicht berechtigt sein?