Von Yair Evron

JERUSALEM. – Israel hat eine neue Regierung. Aber der lange, verworrene Weg dahin war bezeichnend für die Gegensätze und Widersprüche, die sich im modernen Israel aufgetan haben.

Es gibt zwar ein erstaunlich hohes Maß gesellschaftlichen Zusammenhaltes, aber er verbindet sich mit wachsenden sozialen, ideologischen und politischen Gegensätzen. Da gibt es weitgehende Ubereinstimmung in den nationalen Zielen, aber zugleich ein ungewisses, vieldeutiges und oft auch unbewußtes Empfinden, daß diese Ziele nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Nach wie vor halten es viele für notwendig, daß Israel eine Regierung auf breiter Grundlage erhält, die beide führenden Parteien des Landes einschließt. Aber umgekehrt wächst die Erkenntnis, daß diese Parteien in Wahrheit keine vernünftige, handlungsfähige Regierung zustande bringen können und die Kluft zwischen ihnen unüberbrückbar geworden ist.

Was sind die wichtigsten Trennungslinien im Lande? Die erste betrifft die ethnischen Unterschiede. In den eigentlichen Grenzen Israels, wie sie vor 1967 bestanden, gibt es zwei Volksgruppen: die Israelis jüdischer und die Israelis arabischer Herkunft. Natürlich hat der Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten den Graben zwischen diesen beiden Volksgruppen vertieft. Aber auch hier ist das Bild vielschichtiger. Bis 1967 und in den Jahren darauf haben die israelischen Araber sich in erstaunlichem Tempo integriert. Erst die fortdauernde Besetzung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens durch Israel, vor allem auch der Palästinenser-Aufstand Intifada haben dann zu einem Kurswechsel geführt.

Doch gibt es selbst hier Grund zur Zuversicht. Wenn erst einmal eine politische Lösung für die besetzten Gebiete gefunden ist, wird auch die arabisch-palästinensische Minderheit innerhalb der eigentlichen Grenzen Israels wieder zur Integration bereit sein und ihren Platz in der israelischen Gesellschaft finden. In einer jüngsten Umfrage sprechen sich zwar die meisten israelischen Palästinenser für die Errichtung eines selbständigen palästinensischen Staates neben Israel aus; aber zugleich erklären 90 Prozent, sie wollten weiterhin in Israel leben und die israelische Staatsangehörigkeit behalten.

Die zweite Trennlinie verläuft zwischen israelischen Juden selbst – den "westlichen" und den "orientalischen". Darüber ist immer wieder eingehend debattiert worden. Und in der Tat hat das Verhältnis dieser beiden Volksgruppen zueinander die innenpolitische Entwicklung Israels beeinflußt: Die orientalischen Israelis haben erheblich zu den Erfolgen der Likud-Partei in den vier Wahlen seit Mitte der siebziger Jahre beigetragen. Aber auf längere Sicht handelt es sich auch hier wohl um eine Übergangserscheinung. Schon jetzt ist die Zahl der Mischehen zwischen beiden Volksgruppen relativ hoch und steigt weiter. Wichtiger noch: mit besseren Lebensbedingungen, vor allem mit höherem Ausbildungsstand wandeln sich auch die politischen Einstellungen der "orientalischen" Juden: dann verlagert sich ihre politische Präferenz von der Rechten zur Mitte und sogar nach links.

Die entscheidende Zäsur trennt nicht arabische und jüdische Israelis, "westliche" und "orientalische" Juden. Sie verläuft vielmehr zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was das Wesen des israelischen Staates ausmacht: Ist Israel ein weltlicher Nationalstaat, oder ist es eine "religiöse Stammesgemeinschaft"?