Von Carl Goerdeler

Rio de Janeiro im Januar

Am verregneten Weihnachtstag wurde in einem elenden Nest Westamazoniens ein Gummizapfer zu Grabe getragen. Chico Mendes, der Waldarbeiter aus Xapuri, war hinterrücks erschossen worden, weil er es gewagt hatte, sich der Zerstörung des Regenwaldes zu widersetzen. Seine Mörder kamen aus dem Lager der Viehbarone und Landspekulanten; die Polizei schaut – wie so häufig – weg.

Doch der Waldarbeiter starb nicht unbeachtet. Brasilien trauert um einen Märtyrer, einen grünen Gandhi. Bis zu seinem Tode war der bescheidene, bauernschlaue Francisco Mendes Filho nur einigen Intellektuellen der Grünen Partei von Rio de Janeiro oder der Arbeiterpartei von São Paulo ein Begriff. Denn der lebende Mendes wurde von den Medien totgeschwiegen. Der Regierung in Brasilia war er peinlich, stellte er doch die gigantischen Entwicklungsprojekte am Amazonas in Frage. Präsident Sarney will einen von den vorherigen Militärregierungen entworfenen Generalplan vollenden. Mit Brasiliens Vorstoß zu den letzten Grenzen, mit Landnahme, Kolonisierung und Industrialisierung sollen Grundlagen einer Großmacht geschaffen werden.

"Dieser Weg führt in die Wüste", warnten einige standhafte Umweltschützer. "Brasilien schafft heute die größten Umweltprobleme der Erde", stellt kurz und bündig Marita Koch-Weser von der Weltbank fest. Im tropischen Regenwald Brasiliens wird jeden Tag eine Pflanzen- oder Tierart ausgerottet, jede Woche ein Waldgebiet so groß wie 121 000 Fußballfelder gerodet, jedes Jahr ein Gebiet von der Größe Bayerns niedergebrannt.

Die Gründe für die Verwüstung des Amazonasgebiets liegen nicht allein in den Großmachtträumen einiger Militärs oder der Gier der Großagrarier. Da sind die Auslandsschulden, die auf Brasilien lasten: 120 Milliarden Dollar müssen zurückbezahlt werden. Auf jedem Amazonasbaum lastet eine Hypothek von einem Dollar. Die Zinsen werden mit Exporten bezahlt, mit Soja, Eisenerz, Edelholz. Der Raubbau verspricht den elenden, hungernden Menschen anderer Regionen Arbeit: In den überquellenden Städten finden sie längst keine mehr. Von den Bauernhöfen im Süden werden sie durch die Mähdrescher, im Nordosten von den pistoleiros der Großgrundbesitzer vertrieben. Bodenspekulanten und Goldgräber bilden die Vorhut der Waldmarodeure; Minengesellschaften und Agroindustrie folgen nach. Dann kommt der Troß der Armen.

General Medici ließ in den sechziger Jahren die "Transamazonica" planieren, um längs dieser Straße "das Land ohne Menschen mit Menschen ohne Land" zu füllen. Sein Vorstoß scheiterte am Widerstand der Natur. Die folgenden Regierungen gingen planmäßiger vor: Mit dem Projekt Carajas wird in Ostamazonien ein brasilianisches Ruhrgebiet hochgezogen. Der Regenwald soll dabei zur Verhüttung der Erze genutzt werden. In Mittelamazonien sollen bis zum Jahr 2010 sechs Dutzend Wasserkraftwerke eine Waldfläche von der Größe der Bundesrepublik Deutschland überfluten. Weide wird in Westamazonien den Wald verdrängen: In Rondônia wird es in zehn Jahren wohl keinen Baum mehr geben. Was am Ende der "Entwicklung" in Brasilien noch an Regenwald übrigbleibt, wird nur noch ein trauriger Rest jener "grünen Hölle" sein, wie auch in Brasilien das einzigartige Biotop des Amazonas immer noch genannt wird.