Von Rolf Schneider

Das Ereignis hieß Brockenwanderung. Wenigstens einmal im Jahr wurde sie unternommen, am liebsten gänzlich zu Fuß, doch meistens war ein Teil dieser Wanderung, der größere, eine Schienenfahrt. Sie wurde ausgeführt mit Hilfe einer besonderen Eisenbahn, deren Geleise schmaler verliefen als jene der gewöhnlichen Reichsbahn. Sie verfügte über einen eigenen Kopfbahnhof, der sich einer angenehm folkloristischen Architektur bediente, und ihre Lokomotiven ließen, wenn die von ihnen angeführten Waggons ungeschützt quer über verschiedene innerstädtische Straßen fuhren, außer einem grellen dampfgetriebenen Pfiff eine helle Metallglocke hören.

Die Bahn trug den offiziellen Namen Harz-Quer- und Brockenbahn. Bis zum Kriegsende war sie ein privatkapitalistisch geführtes Unternehmen. Nach einem mühsamen, in vielen Serpentinen verlaufenden Aufstieg teilte sich ihr Schienennetz. Zum einen ging es über die Höhen des Gebirges zum südlichen Harzrand, nach Nordhausen. Oder aber die Bahn fuhr weiter bis zur Spitze des mit 1142 Metern höchsten Harzberges, des Brocken.

Dort standen mehrere der Deutschen Post oder der meteorologischen Forschung dienliche Türme, die man schon aus größter Entfernung wahrnahm. Es gab außerdem da oben einige flache Bauwerke, deren solidestes und ausführlichstes einem exklusiven Hotel zugehörte. Dies befand sich im Besitz der Fürsten zu Stolberg-Wernigerode, eines einstmals reichen Geschlechts, eines der wohlhabendsten im gesamten Preußen des 19. Jahrhunderts. Während der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 war der übergroße Teil des familiären Reichtums spekulativ verjuxt worden. Zwei Hotelbetriebe und etwas Forstbesitz bildeten danach das letzte eben noch verbliebene Vermögen.

Selbst das alte Familienschloß, gelegen auf einem Berge hoch über der Wernigeröder Altstadt und auftrumpfend mit einer Silhouette von märchenhaft historischem Zuschnitt, war längst zum öffentlichen Eigentum geworden, diente als Museum oder harrte zerbröckelnd einer sinnvollen Verwendung. Der berühmteste Angehörige der Sippe war ein zeitweiliger Günstling des Kanzlers Otto von Bismarck gewesen. Es hieß nach ihm außer einer verkehrsreichen Straße auch das Wernigeröder Knabengymnasium, dessen Schüler ich war.

Der Schienenstrang der Harz-Quer-Bahn befand sich dem Schulgebäude ganz nah. Manchmal schnitten die Geräusche der pfeifenden und bimmelnden Lokomotiven tief in die drögen Unterrichtsstunden, mit ihren Exekutionen des Gallischen Krieges, mit ihren Gleichungen aus zwei Unbekannten. Ist es eine Projektion aus späterer Zeit, wenn ich meine, die Geräusche der Kleinbahn seien gleichsam sehnsüchtige Signale gewesen?

Denn eigentlich bedeuteten mir damals die sonntäglichen Ausflüge im Sommer bloß einen Akt der familiären Pflichterfüllung, behaftet mit Stupidität und Langweile. Die dabei erfahrbare Landschaft war das schlichtweg Selbstverständliche. Irgendwie umgab die uns sowieso und überall, Unterschiede erschienen unerheblich. Bei Zugfahrten hatte ich in den Innenräumen des Personenwagens zu verbleiben. Als viel zu gefährlich galten die offenen Perrons mit ihrem beweglichen Gestänge. Die nach dem Aussteigen sich anschließenden Gänge auf steinigen Waldwegen kamen mir endlos vor. Bei der Ankunft auf der Brockenspitze herrschte für gewöhnlich Nebel. Die angehäuften Granitbrocken verschwammen schwärzlich in kalter grauer Luft. Wie hieß das doch? Teufelskanzel? In einem viel zu großen Restaurationsraum des "Brockenhotels" wurden zum Abschluß Kakao und Streuselkuchen aufgetragen.