Der vierte Band der Bildergeschichte aus Bockenheim ist da. Die Zeichnerin weiß, wie Neugier zu wecken ist. Rückenansicht auf dem Umschlag: eine Gans, die den Stamm eines Blütenbaumes mit ihren Flügeln umklammert und beunruhigt verfolgt, wie ein hübsches Schwein mit koketter Miene einer Pünktchenkleidmaus Einblick in einen Schnellhefter gewährt – Gustav, der Verwirrte, Ingeborg, die Begehrte, und Erna, die Fürsorgliche. Das Personenverzeichnis schürt unser Interesse.

Mit dem Titelbild zum "Erpresser" hatte sich Hilke Raddatz den Deutschen Bilderbuchpreis 1983 verscherzt. Einigen Juroren war es zu comicartig. Die zart ausdrucksvollen Bildfolgen im Innern des Buches konnten diesen Einwand nicht aufwiegen. Dabei hat der Comic-Bezug Methode: ein Zugang für Kinder, denen Wilhelm Buschs feiner Strich ferner ist als der plakative Stil Walt Disneys. Die Ausleihzahlen in Bibliotheken belegen es. Kinder greifen nach den Bockenheim-Bänden.

Daß Hilke Raddatz mit dem alten Verlag auch das Odium einer speziellen Literatur für Kinder hinter sich lassen möchte, scheint einem Zug der Zeit zu entsprechen, (Maurice Sendak war überaus erfreut, daß die amerikanische Originalausgabe von "Als Papa fort war" gleichzeitig in der Kinder- und Erwachsenenabteilung seines Verlages herauskam.) Im Vergleich zum ersten Band (Die Warner von Bockenheim) hat die Autorin mit der "Großen Liebe" ein Buch verfaßt, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen ansprechen kann – dank seinem Thema, dank der Umsetzung in lebensnahe Figuren aus drei Generationen.

Hilke Raddatz hat einen Affekt gegen alles, was nach Pädagogik riecht. Dabei ist sie selbst eine ausgefuchste Pädagogin mit der wertvollen Fähigkeit, nie langweilig zu sein.

Das neue Buch hat einen Einstieg, der so prägnant wie vergnüglich ist: Frühling, zwei Marienkäfer begatten sich. Frage der sechs Freunde aus Bockenheim: ist das die große Liebe?

Anlaß genug, ihre Bezugspersonen sich offenbaren zu lassen und den Lesern Déjà-vus zu verschaffen dank unterschiedlicher Grade der offenbarten Konventionalisierung oder aber Desillusionierung des Lebens zu zweit. Auch an Eltern-Kind-Beziehungen wird allerlei vorgeführt. Bei Rolfis Mutter stinkt’s nach Pädagogik: "Unsinn, Marienkäfer lieben sich nicht, die pflanzen sich nur fort."

Gustavs Mutter ist von der feineren Art. Sie "geht gerade ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Vorlesen mit Betonung."