Von Manfred Sack

Es geschieht selten, daß das neue Gebäude einer psychiatrischen Anstalt, das für "Verrückte", obendrein für "verrückte Verbrecher" errichtet worden ist, nicht nur von Medizinern und Bewachern, sondern auch von Ästheten gefeiert wird. Auch wenn sich unsere Stadtverordneten und Gemeinderäte heutzutage nicht mehr von vornherein dagegen sperren, mehr als das allernötigste Geld – und möglichst ohne öffentliches Aufheben – dafür zu bewilligen; auch wenn sich unsere staatlichen Bauherren öfter als früher Mühe geben, selbst den Gestrauchelten die Würde menschlichen Daseins wenigstens in Maßen zu erhalten, bleiben das Glücksfälle. Und ebenso selten ist es, daß ein von berufsmäßigen Skeptikern gemachtes Fachblatt ein solches Werk der Architektur nicht nur gemessen lobt, sondern lauthals preist und auch nicht eine Stelle an dem ganzen Bauwerk entdeckt hat, die sein Unbehagen gereizt hätte. "Die gesamte Neubau-IBA", schrieb Ulrich Conrads in der Bauwelt "hat derlei Qualität nicht aufzuweisen."

Die Rede ist vom Wilhelm Sander-Haus in Berlin-Reinickendorf, einer Einrichtung der Forensischen Psychiatrie, von einem "festen Haus" also, das zugleich Sicherungs- und Heilungsstätte, Gefängnis und Klinik für psychisch kranke Straftäter zu sein hat. Vor zehn Jahren war dieses Projekt eines Architektenwettstreits für wert befunden worden, vor anderthalb Jahren wurde es fertiggestellt und bezogen – die Erwartungen waren so groß wie die Skepsis. Mittlerweile ist ein Urteil darüber erlaubt, ob die wohlgeratene, auffallend schöne, funktional ausgeklügelte Architektur auch tatsächlich so funktioniert und sich so auswirkt, wie es alle erhofft hatten.

Der Gebäudekomplex, der einen rechteckigen Hof umschließt, liegt im Berliner Stadtteil Wittenau. Früher hieß er Dalldorf. Wer Dalldorf sagte, meinte die Irrenanstalt dort, und wem "Irre" in den Sinn kamen, dachte an Dalldorf. Der symmetrisch angelegte, heute vom Denkmalschutz gehegte alte Pavillon-Komplex dieser Klinik ist 1879 nach den Plänen des Berliner Stadtbaurates Hermann Blankenstein (1829-1919) gebaut worden. Jetzt führt er den Namen Karl Bonhoeffer-Nervenklinik.

Der abstoßendste Bau darin war das Feste Haus der psychisch, später auch der alkohol- und drogenkranken Straftäter, außen erkennbar an den vergitterten Fenstern, im Innern an einer erbärmlichen Atmosphäre. Nicht nur den Insassen, auch ihren Betreuern war dieser Zustand unerträglich geworden. Die Zahl der delinquenten Patienten wuchs obendrein, und das Gebäude widersprach besserer Einsicht so sehr, daß zwar der eine Auftrag – die ausbruchssichere Verwahrung zum Schutz der Allgemeinheit –, kaum aber der andere auszuführen war – Besserung, womöglich Heilung zum Wohl der Kranken. Genau einhundert Jahre nach der Einweihung dieser Anstalt erbat die Gesundheitsbehörde von neun Architekten Entwürfe für einen modernen, menschenfreundlichen Neubau des Festen Hauses. Aus dem Wettbewerb gingen die Berliner Joachim Ganz und Walter Rolfes als Sieger hervor, beide Mitte vierzig, Partner seit 1975, erfolgreich in vielen Wettbewerben, mit ihren Bauten bisher jedoch eher zu internem als zu öffentlichem Ruhm gelangt, aber begabt mit der Courage, das Bessere notfalls auch gegen die Vorstellungen des Bauherrn zu entwickeln.

So ist es hier geschehen. Sie ignorierten wichtige, für schädlich erachtete Passagen der Ausschreibung und präsentierten ihre Alternative. Sie verwarfen die als Ausbruchssicherung verlangte sechs Meter hohe Betonmauer "mit Rucksackprofil", sie sicherten das Gebäude stattdessen unauffällig und machten die zweistöckigen Fassaden, also die strenge schöne Backstein-Architektur damit zugleich zur Kundgebung eines neuen Geistes: nicht Abschreckung, sondern Hoffnung; nicht Angst, sondern Gelassenheit; nicht Rache, sondern Hilfe. Ebenso gingen die Architekten im Inneren vor: Mit der Übersichtlichkeit des Grundrisses machten sie die vorgesehene elektronische Überwachungsapparatur überflüssig, ersetzten die Gitter vor den Fenstern durch eine technisch ausgeklügelte feste Spezialverglasung, so daß die Patienten wie aus irgendeinem Haus hinaus- und Spaziergänger hereinsehen können. Innen wie außen läßt das unauffällig introvertierte Gebäude nicht an eine Strafanstalt, sondern an ein Kloster denken. Seine Insassen erfahren zwar täglich, daß sie gefangen sind, aber sie sehen es nicht.

Dabei hatte Professor Wilfried Rasch, den man den Nestor der Forensischen Psychiatrie nennt und als Berater hinzugebeten hatte, anfangs noch befürchtet, daß der "in vielen Details erkennbare Sicherheitsfetischismus" der Berliner Behörden, der besonders nach dem Bau des Hochsicherheitstrakts im Gefängnis Moabit 1980 Beunruhigung hervorgerufen hatte, auch die ganz anderen Erwartungen vom Wittenauer Neubau als einem transparenten Festen Haus zerstören könnte. Doch die Behörden, wie mißtrauisch und risikoscheu sonst auch, trauten hier dem medizinischen Konzept, erlaubten die Zusammenfassung der delinquenten Patienten zu kleinen Wohngruppen und verzichteten auf "Übersicherungen". Das Gebäude wurde, wie Rasch findet, "ungewöhnlich ‚schön‘". Die Anlage wirke auf den Betrachter "freundlich, warm, ja heiter", so sehr, daß es ihn nun wiederum mißtrauisch machte: Würde nun nicht "eine sogenannte Hospitalisierung" die Patienten vor dem "Sprung in die normale Welt" abschrecken, die ungewohnte Schönheit der Umgebung ihren Drang, sie rasch verlassen zu dürfen, erschlaffen lassen? Würden sich die Ärzte, die Pfleger, die psychotherapeutischen Mitarbeiter in dem für sie möglicherweise "zu weit geschneiderten Mantel" zurechtfinden und die Chancen, die das neue Haus ihnen doch eröffnet, überhaupt begreifen?