ARD, Mittwoch, 28. Dezember:

"Tatort – Moltke"

Was ein Lichtjahr sei und daß ein Wesen vom Andromeda-Nebel äonenlang zu uns auf Reisen wäre, erklärt Kommissar Thanner dem Kollegen in der ersten Einstellung. In der letzten nennt er ihn einen Polen – "Schimanski" heißt er doch – und macht ihn damit zum Mitglied der Vielvölkerfamilie, die das Revier gemischt hat. Nein, gebildet ist er nicht, der Pole in der Windjacke, aber dafür ein Eingeborener. Für Fragen des Lexikons und des Gesetzes hat er seinen gutbürgerlichen Freund. Warum auch sollen Extras wie Astronomie, Kaviarpreise und Bürgerrechte in seinem Schädel hausen, wo doch etwas wirklich Großes darin Platz finden muß: der Sinn für Gerechtigkeit. Schimmi bleibt Schimmi, da gibt’s keine Neuauflage 89.

Wenn Fernseh-Helden zur Legende geworden sind, sollten sie abtreten. Da aber in unserer Zeit ein irgend interessanter Serien-Protagonist im Handumdrehen zur "Kultfigur" aufsteigt, müßte das halbe Programm eliminiert werden, wollte man konsequent sein. Tapfer also stemmt die Prominenz die Reste ihres Charismas gegen dessen Legende, ihr Profil gegens Image, und häufig unterliegt der Star dem Kult. Die Robusteren überleben, in seltenen Fällen gar erweist sich ein Charakter als immun gegen seine Popularität. So eine Ausnahme ist Schimanski, der Typ, der zur Polizei ging, weil er sich den Gangster nicht zutraute. Seine Schlauheit bleibt immer naiv, sein Prolo-Ego unironisch und sein Hang zum Faustrecht mit Treuherzigkeit gepaart. Aber das passiert nicht, und wie durch ein Wunder schadet es nichts. Schimmi bleibt ein aufrechter Held – trotz Legende.

Woher das kommt? Vielleicht hat Götz George einfach keine Angst vor seinem Ruhm, vielleicht keinen Hang zum Hintergrund und kein Vergnügen an Ironie. Vielleicht auch ist dieser Rächer aus dem Ruhrpott mit seiner tierischen Menschlichkeit so stabil gegossen, daß er einfach alles aushält: die wankende Solidarität Thanners, die verzweifelnde Patronage Königsbergs, die konstruiertesten Plots, die dickste Sentimentalität und die hundertste Wiederholung von alledem. Tatsache ist: auch diesmal blieb der Horst ein Hoffnungsschimmi in der Endlosparade trüben TV-Entertainments.

Es ging um einen Bankräuber, einen Polen, dessen Bruder bei einem Coup von seinen eigenen Komplizen erschossen worden war. Die Sache ist zehn Jahre her, der Pole hat als einziger gebüßt und ist jetzt wieder frei. Nur er kennt die Gangster und weiß, wer seinen Bruder auf dem Gewissen hat. Jahrelang hat er geschwiegen, deshalb heißen er und der Film "Moltke". Und deshalb steht noch ein Mord bevor, denn auch dieser Pole ist ein Rächer im Revier. Schimanski und der Herrgott streiten mit ihm darum, wessen die Rache sei. Es siegt Schimanski unter Zuhilfenahme des fünften Gebots.

Das war eine Ruhr-Ballade wie etliche zuvor, düster, elegisch, brutal, mit mühsam motivierten Schrecksequenzen – warum zum Teufel wurde der Typ im Liegestuhl so umständlich und etappenweise ins Jenseits befördert? –, aber dank George und Regisseur Hajo Gies ein Streifen mit Thrill. Gut tat es, Schimanski ein paar Rüpel, die "Deutschland den Deutschen" brüllten, bei den Ohren fassen zu sehen. An solchen Szenen lernt man, warum der Kriminalfilm nicht auf ihn verzichten kann, auf den Hüter des Gesetzes, der sich sein eignes macht und der nicht wissen muß, was ein Lichtjahr ist. Denn das Böse liegt so nah.

Barbara Sichtermann