Gelingt dem Sohn, was die Mutter nicht vermochte, der Tochter, was dem Vater versagt blieb – zwischen ihren seit vier Jahrzehnten verfeindeten Staaten einen dauerhaften Frieden zu begründen? Indiens 44 Jahre alter Premierminister Rajiv Gandhi und Pakistans frischgewählte 35jährige Ministerpräsidentin Benazir Bhutto haben zum Jahreswechsel ein hoffnungsvolles Zeichen gesetzt: In Islamabad unterzeichneten sie ein Abkommen, in dem sich beide Seiten verpflichten, die Nuklearanlagen des anderen Landes nicht anzugreifen.

Dreimal sind die Bruderstaaten seit der Unabhängigkeit von Großbritannien gegeneinander in den Krieg gezogen. Ein Jahr nach dem letzten Waffengang, 1972, unterschrieben Indira Gandhi und Zulfikar Ali Bhutto in Simla einen Pakt zur friedlichen Regelung des indisch-pakistanischen Konflikts. Doch die mißtrauischen Nachbarn blieben bis an die Zähne bewaffnet und ließen sich auf ein abenteuerliches atomares Wettrüsten ein.

Die Aufrüstung hat die bettelarmen Rivalen noch ärmer werden lassen. Siegt nun, da die Großen die Kriege der Kleinen nicht länger finanzieren wollen und allerorten die Feindbilder verblassen, auch auf dem indischen Subkontinent die politische Vernunft? Die Staaten Südasiens, hat Benazir Bhutto erklärt, müßten den Kampf gegen die "gemeinsamen Feinde", gegen Armut, Seuchen, Elendsviertel und Unwissenheit aufnehmen. Hielten sich die beiden Vertragspartner an dieses Gebot, hätten die Jungen tatsächlich aus den Fehlern der Alten gelernt. M. N.