Noch gibt es keine heiße Spur im Fall Lockerbie

Von Dietrich Strothmann

Zweihundertsiebzig Menschen starben einen sinnlosen Tod. Es war kurz vor Weihnachten, als der Jumbo der amerikanischen Fluggesellschaft PanAm auf dem Weg von London nach New York in mehr als 9000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodierte. Noch heute, zwei Wochen nach diesem Unglück, suchen Polizei und Armee in einem Umkreis von fast 200 Kilometern nach Wrackteilen des zerborstenen Flugzeugs, müssen noch immer auseinandergerissene Körper von Passagieren identifiziert werden.

Nur soviel steht inzwischen amtlich fest: Auf das Flugzeug, hauptsächlich mit amerikanischen Soldaten und Studenten an Bord, wurde ein Anschlag verübt. Die Bombe, die den Jumbo zur Explosion brachte, bestand aus 13 Kilo des leicht verformbaren, hochbrisanten, bei üblichen Röntgenstrahlenkontrollen unsichtbaren tschechischen Plastiksprengstoffs Semtex. Doch wer die Bombe legte, wie die tödliche Fracht in das Großflugzeug geschafft und warum das Attentat verübt wurde, ist für die Sicherheitsfachleute und Terrorismusexperten nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln.

Vorläufig gehen sie von drei Möglichkeiten aus: Es war eine palästinensische oder eine iranische Untergrundorganisation oder ein "gewöhnlicher" Täter, der vorher eine hohe Lebensversicherung für seine Angehörigen abgeschlossen hatte. Zwei dieser Möglichkeiten werden bereits ausgeschlossen:

Die Urheberschaft eines iranischen Terrortrupps wie der "Wächter der Islamischen Revolution", die sich für den versehentlichen Abschuß eines iranischen Airbus im vergangenen Juli über dem Golf durch einen US-Zerstörer rächen wollten, gilt als unwahrscheinlich. Auch wenn sich die "Wächter" in zwei anonymen Anrufen zu dem Anschlag gegen den PanAm-Jumbo bekannten, halten es westliche Geheimdienste für unwahrscheinlich, daß diese fast unbekannte, unbedeutende Gruppe über die technischen und logistischen Mittel verfügt, um ein solches Bombenattentat zu planen und durchzuführen. Ausgeschlossen wird auch generell die Variante "Lebensversicherung". So bleibt, auch für deutsche Sicherheitsfachleute mit detaillierten Nahost-Erfahrungen, nur die palästinensische Dimension übrig. Und hier haben in den letzten Jahren vor allem zwei Terrororganisationen mit Anschlägen auf den Luftverkehr eine blutige Spur gezogen:

Erstens: Abu Nidals Mordbande, die Attentate auf Kreuzfahrtschiffe, Synagogen und auch Flugzeuge verübte. Sie ist ein verschworener Gegner des Versöhnungskurses von Jassir Arafat, dem PLO-Chef, der Nidal zum Tode verurteilen ließ; anfangs genoß der 1939 in Jaffa geborene "Vater des Kampfes", wie Abu Nidal übersetzt heißt, die Protektion der Iraker, später die Unterstützung der Syrer, jetzt steht er unter dem besonderen Schutz des Libyers Ghaddafi. Nidals Todesschwadron verfügt auch in Westeuropa über ein Netz an Helfern und Helfershelfern, die im Umgang mit Bomben geübt sind.