Von Victor Perez-Diaz

ADRID.– Spanien ist vom Euro-Enthusiasmus gepackt. Viele Spanier sehen in der westeuropäischen Integration die Chance, spanische Tradition mit dem Engagement für das Moderne zu verbinden. Jetzt übernimmt ihr Land zum ersten Mal die Präsidentschaft im Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft, zwölf Jahre nach dem Beginn der Demokratisierung.

Damals schien für viele die Demokratie unerreichbar fern. Sie dachten an vier Jahrzehnte unter Franco und auch an den Bürgerkrieg, sie erinnerten sich an die lange Zeit der Isolierung, in der Spanien an den Rand Europas gedrückt war: exotisch, interessant, aber eben marginal. In diesen zwölf Jahren haben die Spanier ihre Kritiker widerlegt, die ausländischen Beobachter überrascht und vielleicht sogar sich selbst. Mit Energie, gesundem Menschenverstand, einem Sinn für das Mögliche und für Toleranz haben sie sich daran gemacht, die Demokratie zu verankern und die Wirtschaftsprobleme in den Griff zu bekommen. Und beides haben sie, wenigstens teilweise, geschafft.

Wir Spanier haben uns an demokratische Prozesse gewöhnt. Das demokratische Bewußtsein ist stärker verwurzelt. Die sozialistische Regierung wird von allen Spaniern heute als rechtmäßig anerkannt; das wäre, wenn die während der Franco-Zeit oder selbst in den dreißiger Jahren vorherrschenden Einstellungen fortgegolten hätten, undenkbar. Es gibt heute in Spanien keine antidemokratische Partei.

Zugleich aber bleiben zentrale Probleme unserer politischen Kultur immer noch ungelöst. Die Entfremdung zwischen Politikern und Bürgern wächst. Der außerordentliche Erfolg des Generalstreiks Mitte Dezember hat unterstrichen, wie unermeßlich groß diese Kluft geworden ist. Denn der Streik stand weniger für eine wirtschaftspolitische Auseinandersetzung, als vielmehr für die tiefe moralische und emotionale Distanz der Bürger gegenüber der gesamten politischen Klasse des Landes.

Was die Bewältigung der Wirtschaftsprobleme anlangt: die Inflation ist gesunken, die Volkswirtschaft für das Ausland geöffnet worden. Heute wächst die Wirtschaft und zieht ausländisches Kapital ins Land. Aber Spanien hat eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent (fast die Hälfte aller Jugendlichen hat keinen Arbeitsplatz) und immer noch ein erhebliches Defizit in den Bereichen Forschung, berufliche Ausbildung, Gesundheitsfürsorge; die allgemeine Infrastruktur seiner Wirtschaft ist unterentwickelt. Das eine historische Regionalproblem des Landes – Katalanien – ist auf dem Wege der Lösung. Aber das andere – das Baskenland – schwelt fort; dort blüht und gedeiht der Terrorismus und verläßt sich auf beachtliche Unterstützung in der baskischen Bevölkerung.

Die Spanier haben viel dazugelernt. Doch sind auch die Grenzen des Lernens deutlicher geworden. In der politischen Klasse macht sich Unschlüssigkeit bemerkbar, wie es in Zukunft weitergehen soll. Die Sozialisten sind zwar seit 1982 an der Macht und haben im Parlament die absolute Mehrheit. Aber trotz des Fehlens einer ernsthaften politischen Opposition und trotz des anhaltenden Wirtschaftsbooms haben sie es bisher nicht vermocht, das Land zu motivieren und ihm moralische Führung zu geben.