DIE ZEIT

Nur ein Alibi

Als der Irak in dem achtjährigen Krieg am Golf wiederholt Giftgas gegen Iraner und Kurden einsetzte, zuckte die Welt nur mit den Achseln.

Leichtfertiger Vorstoß

Für Sozialdemokraten verbindet sich mit dem Wort Plebiszit eine traumatische Erinnerung. Vor dreißig Jahren hatten sie – damals wie heute Oppositionspartei in Bonn – vergeblich versucht, die Bundesrepublik mit Hilfe einer Volksabstimmung in den Ländern von Atomwaffen freizuhalten.

Hoffnungsvoll

Gelingt dem Sohn, was die Mutter nicht vermochte, der Tochter, was dem Vater versagt blieb – zwischen ihren seit vier Jahrzehnten verfeindeten Staaten einen dauerhaften Frieden zu begründen? Indiens 44 Jahre alter Premierminister Rajiv Gandhi und Pakistans frischgewählte 35jährige Ministerpräsidentin Benazir Bhutto haben zum Jahreswechsel ein hoffnungsvolles Zeichen gesetzt: In Islamabad unterzeichneten sie ein Abkommen, in dem sich beide Seiten verpflichten, die Nuklearanlagen des anderen Landes nicht anzugreifen.

Ein Platz noch für die Hoffnung

Die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers dauerte zehn Minuten. In diesen zehn Minuten starben auf unserer Erde 270 Kinder an Unterernährung und an vermeidbaren Krankheiten, wurden rund um den Globus 300 Hektar Wald vernichtet, waren zwölf Millionen Flüchtlinge, aus ihrer zerstörten Umwelt vertrieben, auf der Suche nach einer Herberge.

Es lebe der Baum

Der Mann, die Sportlerin, das Auto des abgelaufenen Jahres – sie stehen fest. Von den Kandidaten und Exemplaren, die in den kommenden zwölf Monaten das Rennen machen, kennen wir bereits einen Namen: die deutsche Eiche.

Nach dem Anschlag auf den PanAm-Jumbo: Im Dschungel des Terrors

Zweihundertsiebzig Menschen starben einen sinnlosen Tod. Es war kurz vor Weihnachten, als der Jumbo der amerikanischen Fluggesellschaft PanAm auf dem Weg von London nach New York in mehr als 9000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodierte.

Zeitspiegel

Eisig zog es in den Januartagen des Jahres 1889 durch Schloß Mayerling. Die Tür zu den Privatgemächern war verschlossen, das Klopfen des Dieners blieb ohne Antwort.

Worte der Woche

"Der Wunsch, als zuverlässiger und freundschaftlicher, überdies dankbarer Partner der Vereinigten Staaten zu erscheinen, hat in der Nachkriegszeit zu viel an elementaren Unterschieden zugekleistert.

"Ein Kanzler wie ein Eichenschrank"

Helmut Kohl geht ins siebte Jahr seiner Kanzlerschaft, und vom Ende seiner Regierungszeit redet niemand mehr. Eine faszinierende Figur ist er für viele Bürger immer noch nicht; in der Demoskopie wirkt er nach wie vor unscheinbar; er profitiert nicht vom traditionellen Kanzlerbonus.

Wolfgang Ebert: Gut abgehört

Rupert Scholz: "Klar, Herr Bundeskanzler, das kann ich Ihnen in die Hand versprechen: Ich werde die Bundeswehr von allen Turbulenzen freihalten, dabei kann ich mich auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Staatssekretär Würzbach verlassen.

Was dürfen Deutsche über Israel sagen?

ZWEIERLEI MASS. Kürzlich wurden an einem Tag ein zweijähriges Mädchen und ein fünfzehnjähriger Junge erschossen, ohne daß es zu einem Aufstand oder auch nur zu moralischer Entrüstung bei den Freunden Israels kam.

Umweltschutz in Brasilien: Gewalt gegen Wald und Mensch

Am verregneten Weihnachtstag wurde in einem elenden Nest Westamazoniens ein Gummizapfer zu Grabe getragen. Chico Mendes, der Waldarbeiter aus Xapuri, war hinterrücks erschossen worden, weil er es gewagt hatte, sich der Zerstörung des Regenwaldes zu widersetzen.

Weltbühne: Eine einzige Familie

Wenn gilt, daß Männer Geschichte machen, Frauen hingegen die Zukunft gestalten, stimmt Margaret Thatchers Neujahrsbotschaft hoffnungsfroh: Das Jahr 1989 sei "das vielversprechendste des Jahrhunderts", verkündete die ansonsten so nüchterne Lady.

Kurzportrait: Späte Anerkennung

Am Jahresende starb im Alter von 63 Jahren Julij Daniel, Satiriker, Dichter, Erzähler, Sohn eines jüdischen Schriftstellers, der selbst aus dem Jiddischen übersetzte.

Kurzinterview: Polnische Pferde

Der polnische Wagen steckt im Sumpf und nur ein Zwei-Pferdegespann aus dem Oppositions- und dem Regierungslager kann ihn herausziehen" – so beschrieb Professor Stanislaw Stomma die Lage Polens.

Bonner Bühne: Unfähigkeit zur Freude?

Sinnend streifen wir gerade durchs leere Regierungsviertel, innerlich noch ganz erfüllt von diesem schönen Satz, den wir soeben im Festbuch zur 2000-Jahrfeier gelesen haben, daß "extram Bonnam nulla vita", daß außerhalb Bonns kein Leben ist.

Abkehr von Europa

In Marokko wird ein sozialistischer Politiker ermordet, in Algerien verschanzen sich Fromme in einer Moschee und töten einen Polizisten, in Tunesien werden Fastenbrecher mit Salzsäure überschüttet, während in Touristenhotels Bomben explodieren.

Besucherdienst: Den kennt ja keiner

In einer Ecke auf dem Flur des Altenheimes sitzen zwei Frauen zusammen: Hedwig Kiekbusch und Gisela Bartlewski. Seit etwa zwei Jahren sehen sie sich regelmäßig.

Steuern mit Steuern

Seit fast zwanzig Jahren wird in der Bundesrepublik Umweltpolitik betrieben. Seitdem sind sich auch die jeweilige Regierung und Opposition darüber einig, daß für die Umweltschäden derjenige zahlen soll, der sie verursacht (Verursacherprinzip).

Krieg der Heuchler

Einer der ersten Treffer im neuen Handelskrieg um hormonbehandeltes Fleisch aus Amerika schlug am Buschwerder Hauptdeich in Hamburg ein.

Bonner Kulisse

Wie gewohnt schickte CDU-Generalsekretär Heiner Geißler zum Jahreswechsel seinen Parteifunktionären einen Brief, in dem er die politische Bilanz der vergangenen zwölf Monate zog.

Erika Martens:: Vorwärts in die Vergangenheit

Vor zwei Jahren ging es noch um den Samstag. Damals stellte der IG-Chemie-Vorsitzende Hermann Rappe den sechsten Tag der Woche zur Disposition und sein Vorstandskollege Horst Mettke wurde dafür bei einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Frankfurt von Kollegen der IG Metall so ausgebuht, daß er seine Rede abbrechen mußte.

Krieg der Heuchler

Vollends klar wird der Fall, wenn man jenes Argument betrachtet, das sowohl der Bauernverband als auch das Bonner Landwirtschaftsministerium neben dem "Verbraucherschutz" noch zugunsten des Hormonverbots anführen: Es gibt, so heißt es, ja ohnehin zuviel Fleisch auf der Welt, so daß man es nicht auch noch "künstlich" vermehren müsse.

Aufwind für Optimisten

Die Prognosen waren nicht gerade vielversprechend. Der Schock, den der Börsenkrach im Oktober 1987 ausgelöst hatte, saß noch tief in den Knochen, als es vor gut einem Jahr darum ging, einen Ausblick auf 1988 zu wagen.

Umweltschutz: Der Preis des Schrotts

Am vorletzten Tag des alten Jahres, als die Autofahrer gerade darangingen, der höheren Mineralölsteuer durch Volltanken wenigstens noch für einige hundert Kilometer Fahrstrecke auszuweichen, erreichte sie eine neue Hiobsbotschaft.

MANAGER UND MÄRKTE

Hirnbiologie und Nahkampftraining: Führungskräfte präparieren sich mit ungewöhnlichen Methoden für ihre Arbeit

Es geht um das Herzstück

Hensche: Die Kassenlage ist in Ordnung. Überdies drohen wir nicht mit Streik, sondern wir sehen uns gezwungen, Arbeitskampfmaßnahmen ins Auge zu fassen.

ZEITRAFFER

Kräftige Zuwächse konnten im vergangenen Jahr die zwölf internationalen Verkehrsflughäfen der Bundesrepublik verbuchen. Die Zahl der Fluggäste stieg auf 68 Millionen und lag damit um sieben Prozent höher als 1987.

LÄNDER IM VERGLEICH

Der Anteil des Handels mit anderen EG-Ländern am gesamten Außenhandel ist bei den einzelnen Mitgliedstaaten unterschiedlich hoch.

Die moderne Kunst haßt sich selbst

Das Kunststück zu bringen, alt und jung zugleich zu sein, ist bisher nur der modernen Kunst gelungen. Sie ist jetzt gut über hundert Jahre alt und geriert sich immer noch jung: sie ist immer noch Avantgarde – wie eh und je.

Zeitmosaik

Der Jahrestag, als der Tag, an dem das Jahr sich jährt, an dem es also aus seinem zeitlichen Ursprung heraus in den Bereich der reinen Jahrheit tritt, welche zugleich die Wahrheit über die Vollendung des Seins im Aufgang seiner Zwiefalt als arché und Epoche ist, erfüllt das Maß des Seienden als eines zu Bemessenden über alles menschliche Meinen, Messen oder Meckern hinaus.

Antwort an meine Kritiker

Wer ein Tabu anrührt, muß damit rechnen, nicht nur auf Zustimmung, sondern vor allem auf Ablehnung zu treffen. Nämlich bei den mehr oder weniger beamteten Tabuhütern.

Kunstkalender

Gelegentlich begegnete man dem Norweger in Ausstellungen deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts, eingereiht zwischen die Romantiker.

Schallplatte

Dubiose Repertoire-Politik: innerhalb eines Jahres nach der Produktion mit Riccardo Muti legt der EMI-Konzern bereits die zweite Studioaufnahme des gleichen Werkes vor, diesmal mit dem Ensemble der Opernfestspiele aus Glyndebourne unter der Leitung von Bernard Haitink.

LUCHS 28

Gibt es heute, in der Zeit des Waldsterbens und der durchrationalisierten Holzproduktionsstätten noch Märchenwälder, die uns beglücken, Erhabenheit ahnen lassen und uns ein wenig gruseln machen? Wer es nicht glauben will, der lasse sich von einem Magier der Kamera, von dem Engländer Stephen Dalton in eine ferne Wunderwelt vor unserer Haustür versetzen.

Bockenheimer Bilder: Große Liebe

Der vierte Band der Bildergeschichte aus Bockenheim ist da. Die Zeichnerin weiß, wie Neugier zu wecken ist. Rückenansicht auf dem Umschlag: eine Gans, die den Stamm eines Blütenbaumes mit ihren Flügeln umklammert und beunruhigt verfolgt, wie ein hübsches Schwein mit koketter Miene einer Pünktchenkleidmaus Einblick in einen Schnellhefter gewährt – Gustav, der Verwirrte, Ingeborg, die Begehrte, und Erna, die Fürsorgliche.

DAS LETZTE

Ja, damals. Damals lagen wir vorn. Damals auf der Barrikade gegen die verzopften Bildungsideale und die himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß nur fünf Prozent der Arbeiterkinder Abitur machen.

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