Von Amber Sayah

Göttingen

Ein alter Chinese, erzählt Hermann Hesse, verlor eines seiner Pferde. Den Nachbarn, die ihm zu diesem Unglück ihr Beileid ausdrücken wollten, entgegnete er: "Woher wollt ihr wissen, daß das ein Unglück ist?" Bald kam das Pferd zurück und brachte ein ganzes Rudel Wildpferde mit. Wieder erschienen die Nachbarn und gratulierten ihm zu dem Glücksfall. Der alte Chunglang versetzte: "Woher wollt ihr wissen, daß es ein Glücksfall ist?" Da nun so viele Pferde zur Verfügung standen, versuchte der Sohn des Alten sich als Reiter. Eines Tages brach er sich das Bein, und als die Nachbarn kamen, um ihr Beileid zu bezeigen, fragte der Alte wieder: "Woher wollt ihr wissen, daß dies ein Unglücksfall ist?" Im Jahr darauf erschien eine Kommission des Kaisers im Dorf, um kräftige Männer für den Stiefeldienst und als Sänftenträger zu holen. Den Sohn des Alten nahmen sie wegen seines Gebrechens nicht. Chunglang mußte lächeln.

Wie ein Unglück mutete es jene Bürger der Stadt Göttingen an, die um die Erhaltung und Wiederverwendung der stillgelegten Lokomotiven-Richthalle, einer imposanten Konstruktion auf der Westseite des Göttinger Hauptbahnhofs, kämpften, daß alle Rettungsversuche ins Leere liefen. Wie ein Glück, daß der verwitterte Industrieriese überhaupt noch stand, daß die Chance, die er bot, nach reichlich begangenen Abrißsünden auch von der Göttinger Stadtplanung erkannt war.

Seit zehn Jahren wird in der Stadt über die Lokhalle diskutiert. Zehn Jahre lang hat der Göttinger Architekt Jochen Brandi, der die Halle 1979 auf dem verlassenen Werksgelände in nächster Nähe der Altstadt wiederentdeckte, mit zäher Beharrlichkeit Vorschlag um Vorschlag erarbeitet, wie der kolossale Backsteinbau, Jahrgang 1912, wieder nutzbar zu machen sei: insgesamt 46 Planungsvarianten, darunter eine vom Bund Deutscher Architekten preisgekrönte, in denen die Halle in verschiedensten Rollen auftaucht: mal als Kultur- und Begegnungszentrum, mal als Sportarena und überdachter Markt, dann wieder als Badelandschaft oder Hotel- und Tagungszentrum. Unterdessen ging das Gebäude von der Bundesbahn in private Hand und schließlich in den Besitz der Stadt über. Einige Male schrammte die Halle gefährlich nah am Abriß vorbei und verfiel dabei immer geschwinder.

Während andernorts ehemalige Spinnereien, Straßenbahndepots, Fabrikations- und Lagerhallen ein neues Leben als Volkshochschulen und Theater begannen, führte die öffentliche Debatte in Göttingen nur in tiefe Ratlosigkeit. Eine Straße wurde gebaut. An den Toren der Lokhalle braust nun der Verkehr vorbei. Längst sind Scheiben und Oberlichter der Halle eingeschlagen, Holzpaneele von den Wänden gerissen, Waschbecken und Mobiliar zertrümmert – Unglück, welches das Glück ihrer Wiederentdeckung mit sich brachte.

Jetzt, im nachhinein, scheint es, als habe sich der geschundene alte Riese insgeheim nicht nur gegen seine Widersacher, sondern sogar gegen die Wohlmeinenden zur Wehr gesetzt, sich störrisch jeder Veränderung und Kaputtsanierung verweigert, mit seinen sperrigen Ausmaßen von 90 mal 180 Metern Grundfläche, 15 Metern Höhe und einer gewaltigen, wie für die Ewigkeit gebauten Stahlkonstruktion im Innern alle Stadtdirektoren, Finanzberater und Investmentplaner zutiefst verängstigt. Der kalte Schweiß brach ihnen aus, wenn sie an die Frage dachten: Wie nur diese gigantische Leere füllen?