Gibt es heute, in der Zeit des Waldsterbens und der durchrationalisierten Holzproduktionsstätten noch Märchenwälder, die uns beglücken, Erhabenheit ahnen lassen und uns ein wenig gruseln machen? Wer es nicht glauben will, der lasse sich von einem Magier der Kamera, von dem Engländer Stephen Dalton in eine ferne Wunderwelt vor unserer Haustür versetzen.

In seinem photographischen Essay wird der Hochwald zur Kathedrale, der Tanz der Vögel, Schmetterlinge und Libellen im Filigran sonnendurchgoldeter Lichtungen zum Elfenreigen, die geheimnisvolle Nacht mit Käuzchenschrei, Fledermausgeflatter, schleichenden Ottern, Nattern und Spinnen zum Hexensabbat.

Es hat etwas Sommernachtsträumerisches an sich, wenn das Rehkitz grazil auf weichem Moospolster ruht, das Eichhörnchen um Orchideen und Fliegenpilze gaukelt, überdacht vom Baldachin der Farne, wenn Raupen auf Silberpappelblättern Ballett tanzen und Ligusterschwärmer gleich Kolibris an Bluten Nektar saugen.

Der Zauberstab der Jahreszeiten herrscht wie Oberon und Titania über Werden und Vergehen, über explodierende Lebenslust und tiefen Schlaf im Palast klirrenden Eises bis zur Auferstehung im Frühling.

Man weiß wirklich nicht, was das größere Wunder ist: dieser Märchenwald der Natur oder die Technik, mit der hier ein großer Künstler die Realitäten optisch-poetisch verfeinert und uberhöht hat. Jede Bildschöpfung ist das Resultat einer Apparate-Übermacht: Elektronenblitz und elektronisches Detektorsystem, Lichtschranken und Zeitauslösung, eine Orgelpfeifenreihe von Objektiven verschiedener Brennweiten zur subjektiven Gestaltung, Stative, Tarnzelte, hochstempfindliche Filme und spezielle Entwicklungsmethoden für Blow up und Schattierung.

Extrem kurze Belichtungszeiten bis zu einer zwanzigtausendstel Sekunde frieren Bewegungen ein wie einst beim Dornröschenschlaf: das Flügel fächern von Eichelhäher und Blaumeise, den Reigen der Mückenschwärme, die Pirsch des Fuchses, Waldmäuschens Schnuppernase, die Landung des Aurorafalters und des Kaisermantels, das Fliegenschnappen des Fitis, das Kleben des Kleibers, den Tarzansprung der Haselmaus, das Beutewittern des Hermelin. Und fast komisch: Trotzdem wirkt alles ganz natürlich.

So entstand ein Realitäten-Märchenbuch der Natur, eine lyrische Dokumentation des Waldes, der gerade auf übelstem Wege ist, uns zerstört zu werden, das Spektrum eines verlorenen Paradieses. Es stimmt heiter und wehmütig zugleich und verzaubert auch uns mit tausend Kobolden und Pucks. Ob es ein gutes und böses Ende nehmen wird, muß die Zukunft zeigen.