Tiere sind "bewegliche Einzelsachen". So sagen die Juristen. In ihrem abstrakten Reich gibt es Kategorien, die so recht nicht mehr in die heutige Zeit passen. Was im Altertum der Sklave war, Rechtsobjekt und Vermögensgegenstand, kurz: ein armes Schwein – heute ist es die schnurrende Siamkatze, die lieblos gepfändet werden darf. Auch die Eigentümerin G. des heißgeliebten Dackels S. aus H.: Würde er von einem rabiaten Autofahrer verletzt, sie bekäme von dem Straßenrowdy nur den "Zeitwert" ihrer Juristen-Sache wieder, vielleicht noch einen Zuschlag von 30 Prozent, niemals aber die Heilungskosten (die G. natürlich gerne für ihren armen Hund ausgäbe, könnte er nur wieder ins Telephon bellen). Das Amtsgericht Hamburg befand noch am 21. Januar 1988: "Ein darüber hinausgehender Schadensersatz für die Verletzung des ... Affektionsinteresses des Hundebesitzers kann nicht verlangt werden." Mit "Affektionsinteresse" meinen Juristen Liebe zu einem Tier.

Ja, wenn der Hund beißt, reißt und scheißt, dann wird er wichtig genommen, dann beschäftigen sich Richter und Beamte tierisch ernst mit ihm. Hund gegen Mensch, das trifft die Tierhalter mit Wucht; die "Tiergefahr" und die Pflichten des Halters sind folgenschwere Größen im Gerichtswesen der Republik. Aus der wundervollen Juristen-Datenbank "JURIS" zogen wir für die letzten zwei Jahre 33 wertbeständige und tiersinnige Urteile über unsere reichhaltige Bürgerfauna. Wird zum Beispiel ein Zwergdackel vereinbarungswidrig, aber gleichzeitig mit einem "Rottweiler" ausgeführt, und stürzt der Halter des Dackels bei dem Versuch, das Tierchen "dem Zugriff des Rottweilers zu entziehen", so bemißt sich des Dackelhalters Mitverschuldensanteil auf 25 Prozent (Oberlandesgericht Koblenz). Oder: "Führen die durch Bisse des Hundes verursachten schweren Verletzungen im Genitalbereich zur Zeugungsunfähigkeit ... und schweren Hormonstörungen eines 41jährigen Mannes, so rechtfertigt dies auch bei... Schwägerschaft zu dem Tierhalter die Zuerkennung eines Schmerzensgeldes von 100 000 Mark" (Oberlandesgericht Saarbrücken). Schließlich: "Der Tierhalter haftet allein und uneingeschränkt, wenn sein Jagdhund eine auf einem Privatgrundstück befindliche Gans (Wert: 50 Mark) anfällt, deren Eigentümerin daraufhin herbeieilt und bei dem Versuch, den Hund zu vertreiben, ein Brillantherz im Wert von 2 400 Mark verliert" (Landgericht Aurich). Tier gegen Mensch: Ungeminderte Verantwortung.

Und Hund gegen Hund? "Wird ein Hundehalter auf Schadensersatz in Anspruch genommen, weil sein Tier einen anderen Hund getötet hat, so kann er dem Geschädigten nicht... eine mitwirkende Tiergefahr des getöteten Hundes entgegenhalten" (Landgericht Aachen): Der Mörder kann sich nicht auf die schwachen Mordinstinkte seines Opfers berufen; der Mörder wird von der Justiz ernstgenommen.

Ganz anders, wenn Tiere Opfer von Menschen sind. Beim Tod einer Katze kann zwar das "Affektionsinteresse" (siehe oben) des Geschädigten berücksichtigt werden, aber wenn die Heilbehandlung für das noch lebende Tier das Achtfache des Wiederbeschaffungswertes übersteigt, so ist das eine unverhältnismäßige Aufwendung (Landgericht Düsseldorf). Wenn also die Halbangora-Kuschelkatze Ramses K. sich unter ein zu schnell fahrendes Auto verirrt, wird ihrer Katzenperson keine Rechnung getragen, der Katzenvater bekommt 30 Mark für eine neue Katze, basta.

Der Deutsche Tierschutzbund hat mit dem Bundesjustizminister gesprochen. Der will Tiere jetzt aus der Sachen-Niederung herausheben. Der Mensch, der an seinem Tier hängt, soll bald angemessen entschädigt werden – bis zu der Höhe, die "ein verständiger Tierhalter" aufwende, um sein geliebtes Vieh zu retten. Auch wird neues Recht demnächst den Haushund fast unpfändbar machen und ihn dem Fernsehgerät immerhin annähern. Die vieltausendjährige Ära des Mitgeschöpfes Tier als "Sache" geht zu Ende. Hanno Kühnert