Von Joachim Fritz-Vannahme

Das helle Haus im normannischen Stil liegt ein paar Straßenzüge hinter der Avenue Foch, dort, wo Paris am feinsten und teuersten ist. Auf dem Trottoir mustern zwei Gendarmen mit Maschinenpistolen und kugelsicherer Weste jeden Passanten. Die eisernen Fensterläden sind zugezogen, das Videoauge über der stählernen Eingangstür starrt auf den Besucher. Im Parterre langweilen sich zwei französische Sicherheitsbeamte mit einem amerikanischen Serienkrimi, in Los Angeles knallen die Revolver, im Haus herrscht Friedhofsstille.

Ibrahim Souss lacht: "Noch bin ich ja am Leben. Ich bin wachsam und werde von den Franzosen gut beschützt." Seinem Vorgänger auf dem Posten des Pariser PLO-Gesandten nutzte alle Wachsamkeit nicht. Er wurde vor zehn Jahren erschossen, als er zwei arabischen Studenten die schwere Tür öffnete.

Mit seinem elegant gepflegten Vollbart, der Metallrandbrille, dem dezent-blauen Anzug gleicht der 45jährige Ibrahim Souss eher einem levantinischen Geschäftsmann oder mediterranen Diplomaten als dem Bild des Kefjeh-Palästinensers, das seine Bürowand ziert und unsere Vorstellung prägt. Hinter dem Schreibtisch ein Photo von Jassir Arafat neben Papst Johannes Paul II: "Ich bin Christ. Meine Familie war lutheranischen Glaubens; später schloß sich das Häuflein Jerusalemer Lutheraner der größeren anglikanischen Gemeinde an, dort war mein Vater Kantor. Ich wuchs mit dem Deutsch der Ordensschwestern und der Musik von Bach und Mozart auf." Damals schon warf der Junge Ibrahim sehnsüchtige Blicke auf sein Geburtshaus im anderen Teil der Stadt, und die Familie hatte bereits das erste Exil im Libanon hinter sich.

Exil und Musik, Palästinenser und Politik bestimmen bis heute das Leben des Ibrahim Souss. Mit achtzehn wollte er Konzertpianist werden, er ging zunächst an die Münchner Hochschule für Musik, dann an die "École normale de musique" in Paris, die er als Jahrgangserster verließ, und beendete seine Konzertausbildung am Londoner "Royal College of Music". Nebenbei komponierte er, der Titel einer sinfonischen Suite "Images d’un exode" verrät eine Vorliebe für Debussy und das eigene Schicksal als Heimatvertriebener; der Titel der Sonate "Mythe de Sisyphe" zitiert Albert Camus.

Und mit Camus beginnt Souss auch seinen "Brief an einen jüdischen Freund", der im April vergangenen Jahres bei der Edition Le Seuil in Paris, vor kurzem auf deutsch bei Greno erschien und mittlerweile in sieben Sprachen übersetzt wurde: "Kein Sieg lohnt sich, denn jede Verstümmelung des Menschen ist nicht wiedergutzumachen", zitiert Souss aus Albert Camus’ "Brief an einen deutschen Freund", den der französische Philosoph 1944 veröffentlichte.

Souss’ schmales Buch, polemisch und poetisch, ist Klage, Anklage und Aufforderung zum jüdisch-palästinensischen Dialog: Bitter im Ton, wo der Autor das Schweigen der Juden zur Politik Israels im Westjordanland und im Gazastreifen anklagt; ungerecht, wo er in Palästinensern nur Opfer, in Israelis fast nur Täter sieht und die zynische Politik mancher arabischer Staaten nur streift; voll utopischer Hoffnung, wo er von einer Koexistenz zwischen Juden und Arabern träumt; sentimental, wenn er sich und seinen jüdischen Freund an die Heimat erinnert. "Die Küste von Räsed Näqoüra bis nach Gaza, übersät mit Orangenhainen, die seit Generationen von Palästinensern mit Liebe gepflanzt und gepflegt worden sind, wird in Eurer Vorstellung merkwürdig sandig; die Hügel von Galiläa, auf denen in jedem Frühjahr Apfel-, Pfirsich- und Aprikosenbäume blühen, trocken und steinig; die Olivenpflanzungen an den Rändern unserer Städte und Dörfer tauchen in Eurer verblendeten Propaganda als ebenso viele Parzellen Land auf, das die zionistischen Kolonien urbar gemacht haben. Wie habt Ihr, und sei es nur für Augenblicke, daran glauben können, daß die rauhen Hände der Araber, die den Boden Palästinas umgruben, säten, die Pflaumenbäume veredelten, die Feigen- und Zitronenbäume und die Rebstöcke beschnitten, daß diese Hände vergessen könnten ... Und ich sage Dir, daß die Hügel Palästinas grüner gewesen wären, die Gärten bunter und die Städte blühender, wenn sich arabischer und jüdischer Schweiß vermischt hätten ..."