Was bei Pauschalreisen längst üblich ist, hat sich nun auch für Kreuzfahrten etabliert: Auf einer Restplatzbörse werden Seeferien zu Sonderpreisen gehandelt.

Das Angebot an Schiffen und Seereisen wächst zwar kontinuierlich, doch die Zahl der Kreuzfahrtkunden stagniert bei rund 150 000 im Jahr. Die Idee einer Restplatzbörse liegt also auf der Hand. Der erste und bislang einzige, der sie in die Tat umgesetzt hat, ist der Münchner Günther Schmidt. Im Büro von Intermaris Kreuzfahrten (Brienner Straße 43, 8000 München 2) werden seit drei Jahren letzte freie Kontingente auf Kreuzfahrtschiffen verkauft: für 30 bis 50 Prozent unter Katalogpreis.

Das Verfahren ist einfach: Interessenten lassen sich in eine Liste eintragen und bekommen dann vier- bis fünfmal im Jahr den Rundbrief mit den Sonderangeboten, die frühestens zwei Monate vor Abfahrt bekanntgegeben werden. Für Seereisen ist das schon last minute: Der klassische Kreuzfahrer bucht ein Jahr im voraus. "Aber wir verkaufen auch noch einen Tag vor Reisebeginn", sagt Günther Schmidt. Gut 1300 Spätentschlossene hat er auf diese Weise schon über die Weltmeere geschickt.

Für Günther Schmidt ist klar: "Der Markt hat auf so etwas einfach gewartet." Nach den ersten Pressenotizen erreichten ihn 18 000 Briefe, Postkarten und Anrufe.

Doch nicht alle Reedereien und Veranstalter sind von der Idee begeistert. Das in Bremen ansässige Unternehmen Hapag-Lloyd Kreuzfahrten hält sich hanseatisch-vornehm zurück: "Wir sind der Ansicht, daß jeder Passagier bei gleicher Leistung den Anspruch auf den gleichen Preis hat", so Pressesprecher Peter Grell. Als unlängst die "MS Europa" für eine Passage nach New York nicht ausgebucht war, übertrug Hapag Lloyd den gewährten Rabatt kurzerhand auf alle Passagiere.

Dahinter steckt nicht zuletzt die Befürchtung, die Spätbucher könnten ihr "Schnäppchen" herausposaunen und damit die zeitig buchende Stammkundschaft während des Törns verärgern. Verhindern läßt sich das sicher nicht, auch nicht durch die eindringliche Aufforderung zum Stillschweigen, die Günther Schmidt seinen Billig-Passagieren mitgibt.

Stammkunden zu verlieren, können die Reedereien sich nicht leisten. Die Rentabilitätsgrenze für Kreuzfahrten liegt bei einer Auslastung von rund 75 Prozent, und diese wird oftmals nicht erreicht. Seetours in Frankfurt beispielsweise arbeitet durchaus auch mit Rabatten, sie werden allerdings nur Frühbuchern gewährt. Bis zu 250 Mark lassen sich bei einer zeitigen Entscheidung sparen. An die Restplatzbörse will sich Seetours nicht wenden: "Wir sind bisher so zurecht gekommen", so Geschäftsführer Alf Pollak. Bleiben auf den Seetours-Schiffen "Arcona" und "Azerbaydzhan" Plätze frei, so werden sie nur hausintern oder an Reisebüromitarbeiter günstiger abgegeben.

Goswin Kortmann, Geschäftsführer der Reederei Cunard, hält die Restplatzbörse dagegen für einen Vertriebsweg, der vom Markt nicht mehr wegzudenken sei. Sein Vorschlag: "Man wird den Vollzahlern Privilegien einräumen müssen. Sie fühlen sich sonst betrogen, und das schafft nur Unfrieden an Bord." A. O.