Vor dreißig Jahren war er noch häufig. Da war er noch am Rande der Großstädte anzutreffen, in Hamburg zum Beispiel am Krupunder See und am Eppendorfer Mühlenteich, in Berlin am schilfbewachsenen Ufer der Havelbuchten. In diesen Tagen nun ist er zum "Vogel des Jahres" avanciert, eine Karriere, die er der traurigen Nachricht verdankt, daß es ihn, den Teichrohrsänger, vielleicht bald nicht mehr gibt. Er steht auf der roten Liste. Mit seinen Vettern, dem Drosselrohrsänger, dem Schilfrohrsänger und dem Sumpfrohrsänger, teilt er das Schicksal zu verschwinden, auszusterben.

Die Ursachen sind immer die gleichen: Die Landschaft wird "in Ordnung" gebracht, an Teichen und Tümpeln, den Brutstätten der sommerlichen Mückenschwärme, wird der Schilf- und Pflanzengürtel entfernt, die Landschaft wird gepflegt nach dem Motto: "Unser Dorf soll schöner werden." Ein Vogel wie der Teichrohrsänger kann da kaum noch überleben.

Er ist ein unscheinbares Vögelchen, etwa 13 Zentimeter lang, wobei der stumpfe Schwanz gut fünf Zentimeter mißt. Ihn zu entdecken und zu beobachten erfordert Geduld. Er ist aber auch ein geschwätziger Vogel, und so kann man ihm, wenn man sein einfältiges Liedchen kennt, auf die Spur und bis nahe ans Nest kommen. Sein Federkleid ist gelblich-braun bis blaßgrau.

Wie alle "Sänger" ist auch er ein Zugvogel. Er überwintert im südlichen Afrika. Bei uns trifft er erst spät ein, Ende April, Anfang Juni. Er baut sein Nest nur im frischen, grünen Rohr. Und dies 30 bis 100 Zentimeter über dem Wasserspiegel. So hoch ist das junge Schilf frühestens Ende Mai. Das Nest, aus trockenen Halmen, Gras und anderen Fasern geflochten, hängt an mehreren Schilfstengeln. Es ist ein tiefer, ausgepolsterter Napf, in den das Weibchen vier bis fünf weißlich-grüne Eier legt, die es in einer Zeit von etwa zwölf Tagen ausbrütet.

Er ist ein fleißiger Sänger, sein Gesang allerdings muß, gemessen an dem der Nachtigall, eher in die Kategorie eines Klavierstimmers eingeordnet werden, denn es wird stets die gleiche Strophe wiederholt: Tiri-tiri-tiri, tick-zäck-zäck-zäck-zerr. Nicht lautstark, doch ausdauernd.

Nur selten verläßt der Teichrohrsänger sein wassernahes, grünes Revier. Larven, Insekten, Mücken, Fliegen stehen auf seinem Speisezettel, all das, was es vor der Erfindung der "chemischen Keule" überall dort reichlich gab, wo das Ufer unzugänglich war, Tümpel und Teiche zur Landschaft gehörten, wo Seen sich noch nicht in Ferienparadiese verwandelt hatten, Bäche sich noch durch die Wiesen schlängelten. Ein nützlicher Vogel also, denn er lebt von dem, was der Mensch Ungeziefer nennt.

Schon Ende August, Anfang September verläßt uns der Teichrohrsänger; sie fliegen einzeln und auch nachts. An den Rändern der Havelseen habe ich den Vogel oft gehört, als er noch häufig war. Vom Boot aus sah man ihn, wenn Männchen sich um das Revier stritten. Im frühen Frühjahr und im späten Herbst, wenn das Schilf lichter wurde, waren an den Halmen Kugeln zu sehen, die Nester der Rohrsänger.