Wolfgang Amadeus Mozart: "Le Nozze di Figaro"

Dubiose Repertoire-Politik: innerhalb eines Jahres nach der Produktion mit Riccardo Muti legt der EMI-Konzern bereits die zweite Studioaufnahme des gleichen Werkes vor, diesmal mit dem Ensemble der Opernfestspiele aus Glyndebourne unter der Leitung von Bernard Haitink. Bescheidener noch als beim voraufgegangenen Projekt entpuppt sich darin der künstlerische Ertrag. Fast hat es den Anschein, als fehlten Haitink für Mozarts "Revolutionsoper" (im vielfachen Sinne) die spirituellen Voraussetzungen. Wo des Komponisten Genie untrüglich blitzt, buchstabiert der Interpret nur mäßig die Noten: unimaginativ, nicht einmal durchweg sauber im (eher durchschnittlichen) Sänger-Team wie in der streckenweise ziemlich blassen instrumentalen Beigabe (London Philharmonie Orchestra). Das Sensorium für geschmackliche Feintönungen geht dem Dirigenten weitgehend ab: in der duftigen Barbarina-Cavatina zu Beginn des 4. Aktes etwa, wo er ein kräftig vor- und zuschlagendes Cembalo zur Klangverdickung benötigt; im fehlenden Charme von Holzbläsern und Streichern beim Brief-Duett wie in der übrigen Charakterisierung der Frauen-Figuren; in den Ensemble-Szenen; ganz zu schweigen von der revolutionären Hintergründigkeit des ,,Se vuol ballare" Figaros. Bereits die spannungsarme musizierte Ouvertüre macht die Kalamität überdeutlich hörbar. (EMI CDS 7 49753)

Peter Fuhrmann

The Fall: "I am Kurious Oranj"

Manche Sänger klingen wie eine schöne Handschrift, die meisten nach kalter Bildschirmtypographie, Mark E. Smith hackt seine Lieder wie eine Schreibmaschine. Vertippt, in Großbuchstaben, sachlich gedruckt und doch ist in jedem Buchstaben der Anschlag Mark E. Smith’ zu spüren. Er deklamiert seine Texte seit 1977 über dem immer gleichen Musiksatzbau. Der dreckig sonore Klang seiner Stimme über dem hypnotischen Rhythmus, den Melodielinien des Basses, den vier oder fünf Thematönen der Gitarre. Dazwischen bellt er Wortfetzen, Schlagzeilen aus ungedruckten Zeitungen, endlos wiederholt, mit der Sensibilität eines Minimalisten aus den Arbeitervierteln Englands. "The Fall" sind hoffähig geworden. Nach ihrem Musiktheater über den Papst "Hey, Luciani" liefern sie diesmal die Musik zu einem Ballett, das in diesem Sommer zu Ehren Wilhelm von Oraniens in Holland und England aufgeführt wurde. Viel hat sich nicht verändert. Die Melodien sind zwar singbarer geworden (in Fall-Maßstäben heißt das: wiedererkennbarer), der Sound abwechslungsreicher mit Anklängen an Xylophone, Marimba und Orgel. Trotzdem: die surrealen Leitartikel zur Lage der Nation hört man ausschließlich bei den "Fall". Es gibt keine Soli, keinen Unterschied zwischen Refrain und Strophe, die Stimme kommt über das Funkgerät, über das Lautsprechersystem im Bahnhof. Fall-Kenner werden die geschmackliche Aufweichung beklagen, es hilft nichts. (SPV Recorde 08-2883)

Konrad Heidkamp

Barbara Thalheim: "Die Frau vom Mann"