Der Köderfisch zappelt an der Harpune. Sofort schnellt der erste Riffhai heran. Sein Maul schnappt gierig zu; einmal, zweimal, dreimal, und die Hobby-Photographen versuchen, den Augenblick im Bild festzuhalten. Aber wohl dem, der eine Kamera mit Motor hat, sonst werden die Schnappschüsse später nur ein aufgewühltes Stückchen Südsee zeigen.

Wir sind 15 Schaulustige in einem Glasbodenboot. Das wohlbekannte marvellous-tremendousincredible-just great-Vokabular der amerikanischen Passagiere an Bord hat uns auf die Begegnung mit den gefürchteten Haien eingestimmt. Aber das eigentliche Abenteuer, sagt Bootsführer Eric, stehe noch bevor. Wer Lust habe, möge zu Schnorchel und Taucherbrille greifen und die Schönheiten unter der Wasseroberfläche des Pazifischen Ozeans (Hai inklusive) bestaunen. Wir zögern.

Und das Boot dümpelt in der Lagune von Rangiroa, Hauptinsel des Tuamotu-Archipels, knappe 400 Kilometer östlich von Tahiti in Französisch-Polynesien. Rangiroa ist das größte geschlossene Atoll der Welt. Die Lagune im Innern mißt stattliche 80 mal 30 Kilometer, ist mithin so groß wie das Ruhrgebiet. Drumherum ein dünner, eiförmiger Ring: das Korallenriff mit den bewohnbaren Landstücken. Die Dimensionen des Riesenatolls ahnt man freilich nur hoch oben, etwa im Jet auf dem Weg von Los Angeles nach Tahiti. Da empfiehlt der Flugkapitän gerne, den Blick steil nach unten auf das "Schwimmbad im Meer" zu richten.

Der Beckenrand um den Lagunenpool ist nur an zwei schmalen Stellen durchbrochen. Hier preßt der Pazifik zweimal täglich seine Wasserlawinen hinein, oder, wie die Einheimischen zu Ebbe und Flut sagen: Die Lagune atmet ein und aus. Die Drift im pass ist entsprechend. An die zehn Stundenkilometer schnell ist das Wasser, bei Sturm noch mehr.

Diese beiden Lungen der Lagune, vor allem die beim Hauptdorf Tiputa, sind Rangiroas Attraktionen. Bei Flut geht es hinein ins Wasser, um sich schnorchelnd über die wundersame Unterwasserwelt voller Fische und Korallengärten treiben zu lassen, "diesen anderen Himmel unter der Welt", wie Gabriel García Márquez einmal über die Faszination der Korallen schrieb.

Die Lungen sind auch Rangiroas unerschöpfliche Speisekammer: für die knapp 3000 Polynesier wie für die wenigen Besucher des Atolls und auch für die majestätischen Fregattvögel, die sich neben unserem Boot immer wieder auf das Wasser niederstürzen und dann mit ihrer Beute emporsteigen. Zwei Palmhütten-Hotels gibt es und einige kleine Palmhütten-Pensionen. Lobster gehören hier sozusagen zu den Grundnahrungsmitteln, zu jeder Mahlzeit kommen Berge von Fisch auf den Tisch, oft roh, am liebsten in fetter Kokosmilchsauce, die ihren Teil dazu beiträgt, daß die Ostpolynesier eher als vollschlank gelten.

Mittlerweile sind zwei Mutige aus unserem Boot ins Wasser gesprungen. Der Rest der Gruppe eröffnet sofort eine Diskussion über Klaustrophobie im allgemeinen und Unterwasserangst und Hyperventilation im speziellen. Nirgendwo auf der Welt, entnimmt ein Amerikaner seinem Reiseführer, gäbe es eine höhere Konzentration an Haien als hier an diesem Ort.