Von Mathias Greffrath

Ulrich Beck:

Gegengifte

Die organisierte Unverantwortlichkeit; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1988; 323 S. 18,– DM

Die Bombe hat unsere Träume verändert, die "friedliche Nutzung" der Atomenergie rüttelt gelegentlich an unseren Eßgewohnheiten; die Chemie verändert unser Verhältnis zu Flüssen und Fischen, die Gentechnik stellt das alte Bild vom Menschen in einen neuen Rahmen. Kurzum, die Großtechniken revolutionieren die "Verfassung des Lebens", aber wie das unsere Verfassung, unsere politischen und gesellschaftlichen Institutionen berührt, darüber haben wir erst nachzudenken begonnen.

Der Soziologe Ulrich Beck legt nach seinem furiosen Buch über die "Risikogesellschaft" (1986) einen zweiten Versuch zu einer "Gesellschaftstheorie der Gefahr" vor. "Gefahr", das ist präziser als Risiko, denn Becks Thema ist eben die Normalität, die unser Leben sichert und bedroht: Hochleistungslandwirtschaft und Algenpest; Auto-Mobilität und Waldsterben, Energieversorgung und Ozonloch – das ist ein Systemzusammenhang.

Im ersten Teil seines Buches analysiert Beck diesen Zusammenhang und kritisiert Begriffe, die untauglich geworden sind, ihn zu begreifen. Selbst die Rede von "Umwelt" oder "Natur" ist ja überholt, denn die "äußere" Natur, die wir bewahren wollen, gibt es schon lange nicht mehr: Sie ist das Resultat technischer Prozesse, bürokratischer Entscheidungen und politischer Versäumnisse. Was jeweils die "Natur" ist, die wir retten wollen – das hängt davon ab, wie wir sie kulturell definieren. Ethische Begleitregularien und Technikfolgenabschätzung, die zur Zeit Konjunktur haben – sie ähneln "Fahrradbremsen am Interkontinentalflugzeug". Sicherheit nach "Stand der Technik" – verstellt die Zumutung, daß jenseits dessen alles gestattet ist, vor allem aber die grundsätzliche Frage: Wieviel Risiko wollen wir eigentlich? Wie wollen wir leben? Wie wollen wir sein?