Sinnend streifen wir gerade durchs leere Regierungsviertel, innerlich noch ganz erfüllt von diesem schönen Satz, den wir soeben im Festbuch zur 2000-Jahrfeier gelesen haben, daß "extram Bonnam nulla vita", daß außerhalb Bonns kein Leben ist. Da stellt sich uns auch schon die bange Frage, in welcher Stimmung wir uns eigentlich befinden, als Chronist und Zeitgenosse, jetzt und überhaupt. Die gefürchtete Antwort gab uns Johannes Gross in seinem Jahresrückblick, einer Zeitdiagnose, die wir nicht mehr loswerden.

Öffentliche Verdrießlichkeit sei die vorherrschende Mentalität unter den Deutschen. Das hätten wir uns denken müssen, nicht aber so formulieren wollen: "Mitscherlich hatte einst den Nachkriegsdeutschen Unfähigkeit zu trauern vorgeworfen. Unfähigkeit zur Freude wäre richtiger gewesen, auch eine Unfähigkeit zur Dankbarkeit gegen Gott und die Welt und die eigene Kraft, die uns kein übles Jahr beschert haben."

Dazu paßt, daß jetzt ganz viele Bücher auf den Markt drängen, die sich mit der Angst und dem Pessimismus als normalem Geisteszustand der deutschen Eliten beschäftigen – griesgrämig, versteht sich.

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Schon ein kurzer Seitenblick auf die Ansprachen des Kanzlers zum Jahreswechsel raubt uns jede Illusion. Wir werden es also schwer haben, uns unseren lieben Pessimismus und unsere herzerfrischende Skepsis zu bewahren.

"Pessimismus trübt den Blick, lähmt die Kräfte und raubt Lebensfreude", mahnt Helmut Kohl. Uns zum Tröste schließt er den Satz an: "Selbstzufriedenheit, Sattheit und Bequemlichkeit wären auch Verrat an den künftigen Generationen."

Zugegeben, für die Pessimisten war einfach mehr los im Jahr davor: Die Nuklear-Skandale fielen übersichtlicher aus und Barscheis Geist ging übers Land, zu schweigen vom Börsen-Krach. Verglichen damit, müßten wir im Augenblick notgedrungen fast dankbar sein.