Vor zwei Jahren ging es noch um den Samstag. Damals stellte der IG-Chemie-Vorsitzende Hermann Rappe den sechsten Tag der Woche zur Disposition und sein Vorstandskollege Horst Mettke wurde dafür bei einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Frankfurt von Kollegen der IG Metall so ausgebuht, daß er seine Rede abbrechen mußte. Nur mühsam konnte das seit Jahren angespannte Verhältnis zwischen den beiden "feindlichen Brüdern" im DGB gekittet werden.

Diesmal rüttelte Hermann Rappe gar am arbeitsfreien Sonntag, jenem Tag der Woche, der nicht nur nach Ansicht der Metaller als ruhender Pol im wöchentlichen Arbeitsrhythmus bestehen bleiben muß. Der IG-Chemie-Chef hat den Metallern damit erneut den Fehdehandschuh hingeworfen, denn die größte deutsche Arbeitnehmerorganisation steht im nächsten Jahr vor einer schweren Tarifrunde, in der es nicht nur um die 35-Stunden-Woche, sondern auch um flexiblere Arbeitszeiten, also um mehr Samstags- und Sonntagsarbeit gehen wird. In dieser Auseinandersetzung brauchen auch die mächtigen Metaller die Solidarität ihrer Kollegen in anderen Gewerkschaften. Dazu aber scheint Rappe nicht bereit zu sein. Seine IG Chemie steht für eine Politik der Kooperation mit den Arbeitgebern. Die Metaller aber verstehen sich immer noch als politische Gegenmacht. Die Abkehr vom altmodischen Klassendenken fordern Wissenschaftler und Unternehmer, Konservative und Linke seit geraumer Zeit immer häufiger von den Arbeitnehmerorganisationen. Heute seien ideologische Unvoreingenommenheit und die Orientierung an neuen, modernen Anforderungen gefragt. Doch ist es wirklich so fortschrittlich, den Sonntag wieder in das Arbeitsleben einzubeziehen?

Schon Kaiser Konstantin der Große fand es im Jahre 321 angebracht, das erste Gesetz zum Schutz des "heiligen Sonntags" zu erlassen. In Deutschland wurde die sonntägliche Arbeitsruhe 1891 mit dem "Arbeiterschutzgesetz" wieder verordnet, nachdem die Industrialisierung zunächst den vollen siebentägigen Einsatz der Menschen in den Fabrikhallen gebracht hatte. 1919 wurde der Sonntag in die Weimarer Reichsverfassung als Tag der Arbeitsruhe und "der seelischen Erhebung" aufgenommen, das Grundgesetz übernahm diesen Passus in Artikel 140.

Ende der fünfziger Jahre begannen die Gewerkschaften mit ihrer berühmten Parole "Samstags gehört Vati mir" den Kampf um den zweiten arbeitsfreien Tag. Mit der Verwirklichung der 40-Stunden-Woche gibt es in der Bundesrepublik grundsätzlich das freie Wochenende. Es wurde zum Kristallisationspunkt der Freizeitkultur. Kirchen und Sport, Vereine und Parteien, aber auch private Veranstaltungen und Familienausflüge konzentrieren sich auf diese beiden Tage der Woche.

Zwar gab es stets Ausnahmen: In Restaurants und Theatern, Medien und Krankenhäusern, bei Bahn und Post, auf Flughäfen und in Badeanstalten wurde immer auch und gerade an diesen Tagen gearbeitet. Doch nicht nur im Dienstleistungsbereich wird Samstag und Sonntag gewirkt. In der Stahl- und Glasindustrie sind ebenso wie in vielen Chemiebetrieben Wochenendschichten seit jeher an der Tagesordnung, denn ohne die kontinuierliche Arbeit wäre die Herstellung vieler Produkte aus technischen Gründen nicht möglich. 1987 arbeiteten mehr als 2,2 Millionen Bundesbürger regelmäßig am Sonntag, 650 000 mehr als zu Beginn der achtziger Jahre. Am Sonnabend sind sogar 4,5 Millionen Menschen am Arbeitsplatz.

Müssen wir die kürzere Wochenarbeitszeit also mit vermehrter Arbeit am Wochenende erkaufen? Immer teurere und leistungsfähigere Maschinen, argumentieren die Arbeitgeber, können nicht immer längere Zeit stillgelegt werden, nur weil die Menschen weniger arbeiten. Im Gegenteil: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit erfordere gerade im Ausgleich für die höheren Arbeitskosten bei geringerer Arbeitszeit eine längere Laufzeit der Maschinen. Im Klartext: Die Anlagen müßten möglichst 24 Stunden pro Tag und sieben Tage pro Woche bedient werden. 1984 lag die durchschnittliche wöchentliche Betriebsdauer der Produktionsanlagen im verarbeitenden Gewerbe bei 61 Stunden, in Mehrschichtbetrieben bei 99 Stunden. Neuere Daten gibt es nicht. Allerdings ist anzunehmen, daß diese Zahlen mit der Verkürzung der Arbeitszeit seit dem Frühjahr 1985 gestiegen sind, denn seitdem hat die Flexibilisierung Einzug in die Fabriken gehalten, wenn auch nicht in dem Maße, wie es die Unternehmer gewünscht haben.

Für den internationalen Vergleich können auch sie freilich keine aktuellen Daten bieten. Nach einer OECD-Studie lag immerhin der Anteil der Schichtarbeiter in der Bundesrepublik gemessen an anderen europäischen Ländern sehr hoch. Und Sonntagsarbeit, stellt eine Untersuchung des Arbeitgeberverbandes fest, ist bei den meisten unserer Nachbarn ebenfalls durch Gesetz verboten. Ausnahmen gibt es indes hier wie dort. Anders als bei uns kann in Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden beispielsweise vom Verbot der Sonntagsarbeit auch aus wirtschaftlichen Gründen abgewichen werden. Über die Praxis können die Arbeitgeber indes nichts aussagen. Allenfalls internationale Konzerne oder einzelne Branchen haben konkrete Angaben über die unterschiedlichen Arbeitsmöglichkeiten der Konkurrenten in den verschiedenen Ländern.