Eigentlich Kaufmannsvokabel, importiert aus dem britischen Empire, wurde dieses Wort im deutschen Kaiserreich zum gleißenden Begriff auch im politischen Handeln: oversea, Übersee, das war Parole für das Streben nach Wirtschafts-, See-, Kolonial- und schließlich Weltmacht. Wohin es führte, ist geschichtsnotorisch. Statt auf den "Platz an der Sonne", zu dem sie Wilhelm II. lotsen wollte, gerieten die Deutschen in den kalten Schatten. Doch bevor ihre Handels- und die Kriegsflotte, jede 1914 die zweitgrößte der Welt, ins Desaster dampften, waren Schnelldampfer und Schlachtschiff der wohl sinnfälligste Ausdruck der Industriekultur in der wilhelminischen Epoche und des industriell-politischen Komplexes des Deutschen Reiches; und nun ist Übersee das Lockwort, das zum Blick auf erstaunliches und manchmal auch empörendes, kurioses und bitter ernstes, verwehtes und auch bis heute noch wirksames Geschehen einlädt:

  • Volker Plagemann (Hrsg.):

Übersee – Seefahrt und Seemacht im deutschen Kaiserreich

Verlag C.H. Beck, München 1988; 404 S., 128,– DM

Der Blick fällt zunächst auf die mehr als 350 Illustrationen, die durchweg originale (und nicht selten originelle) Bilddokumente aus der Epoche sind. Sie allein schon machen dieses Buch besitzenswert. Sorgfältig ausgewählt, teils geradezu episch erzählend, teils pointierend, erübrigen sie einen Schwall von Worten.

Die Texte hat eine halbe Hundertschaft Autoren, Historiker und Kunsthistoriker vor allem, geschrieben. Berichtet wird über praktisch alles, was im Übersee-Begriff gebündelt ist, ob Marine, Verkehrszeichen auf See, die Jungfernfahrten von Luxuslinern, Hafenarbeiter, Weser-Korrektion, Kieler Matrosenanzug nebst Matrosenkleid, der "Volk ohne Raum"-Roman, und was in Wissenschaft und Kunst, Propaganda und Volksbelustigung zur Ideologie des Maritimen beigetragen wurde. Ein Buch wie ein Museum ist’s; man wandert lesend in ihm umher, durch Wahn und Wirklichkeit der deutschen Seefahrt, und langweilt sich bei keinem Schritt.

Wer speziell und bis ins Detail, in dem die Entdeckerfreude hockt, der deutschen Passagierschiffahrt nachspüren will, kann jetzt nach Band I (ab 1850) und II (ab 1890) zum dritten eines ebenfalls üppig bebilderten Werks greifen: