Einen "Mangel an Sensibilität" warf der Zentralrat der Juden in Deutschland Marion Gräfin Dönhoff wegen der Rede vor, die sie im Dezember bei der Verleihung des Heine-Preises gehalten hat. Wir veröffentlichen hier den Text der Erklärung des Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski und eine Erwiderung der ZEIT-Herausgeberin.

Die umstrittenen Textpassagen:

ZWEIERLEI MASS. Kürzlich wurden an einem Tag ein zweijähriges Mädchen und ein fünfzehnjähriger Junge erschossen, ohne daß es zu einem Aufstand oder auch nur zu moralischer Entrüstung bei den Freunden Israels kam. Als aber in der gleichen Woche ein israelischer Soldat ermorden wurde, sind zur Vergeltung in einem Dorf 114 Häuser dem Erdboden gleichgemacht, 800 Menschen deportiert und die Brunnen der Bauern mit Dynamit gesprengt worden.

ZWEIERLEI MEINUNG. Als vor ein paar Jahren in Frankfurt am Main eine große Kontroverse ausbrach wegen des Fassbinder-Stückes "Der Müll, die Stadt und der Tod", das die Bauskandale zum Sujet hatte, bei denen Juden eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, entstand eine Debatte. Die Frage war: Darf man so etwas aufführen?

Die erste Position: Die einen sagten: Freiheit der Kunst, das heißt auch Freiheit zur Provokation und zum Irrtum. Erst das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ermöglicht die ständige geistige Auseinandersetzung, die das Lebenselement der Demokratie ist. Wir wollen keinen Staat, in dem die Obrigkeit verordnet, was die Bürger lesen oder sehen dürfen. Und schließlich: Nach so langer Zeit muß es doch möglich sein, ein Stück aufzuführen, in dem eine der Hauptpersonen, "der reiche Jude", karikiert wird.

Die Gegenposition: Nicht ein bestimmten Jude, Herr X oder Herr Y, wird hier karikiert, sondern eine abstrakte Figur, ein Klischee wie im Sturmer: der reiche Jude, der "geldgierig, geil und rücksichtslos" ist. Eine der Figuren in dem Stück sagt: "Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen ... Wäre er geblieben, wo er herkam oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen." Die Schlußfolgerung dieser Gruppe: Nein, das Stück darf nicht aufgeführt werden. "Auch, wenn es keine Kollektivschuld gibt, wir sind von der Geschichte mit dem Kains-Mal gezeichnet und können nicht so unbefangen handeln wie andere."

Wir entschlossen uns, die beiden divergierenden Meinungen in Form von zwei Leitartikeln auf der ersten Seite abzudrucken.