Von Herbert Schäfer

Der Staatssekretär reagierte mit einem ärgerlichen Nein. Reporter hatten ihn gefragt, ob man sich im Bonner Umweltministerium nach all den Scherereien wohl noch einmal auf einen Molkehandel einlassen würde. Er könne nur hoffen, so lautete die Antwort von Clemens Stroetmann, „daß wir nie wieder in die Lage versetzt werden, eine derartige Entscheidung treffen zu müssen“.

Damit ist die Verstaatlichung jener 5000 Tonnen Molke gemeint, die der damalige Bundesumweltminister und jetzige hessische Regierungschef Walter Wallmann (CDU) im Februar 1987 verfügte. Das gelbe Pulver war wenige Monate zuvor als Nebenprodukt der Käseherstellung bei der Firma Meggle im bayerischen Wasserburg angefallen. Sie hatte Milch verarbeitet, die durch das Reaktorunglück von Tschernobyl verstrahlt war. Was anschließend die deutschen Politiker mit dieser Strahlenmolke anstellten, gleicht nach Auffassung von SPD und Grünen einem teuren Schildbürgerstreich.

Wegen der Belastung mit radioaktivem Cäsium (bis zu 8000 Becquerel pro Kilo) durfte die Molke seinerzeit nicht weiter vermarktet werden, weder als Viehfutter noch als Rohstoff für die Nahrungsmittelindustrie. Deshalb erhielt Meggle aus der Staatskasse 3,8 Millionen Mark Tschernobyl-Entschädigung für das Pulver, das anschließend ein anderes Unternehmen, Lopex in Gießen, nach Ägypten verhökern wollte.

Doch der geplante Handel sorgte in Bonn und Kairo für Aufregung. Im Land am Nil drohte die mindere Qualität der Molke auch auf andere deutsche Produkte auszustrahlen. Um Schaden von der deutschen Wirtschaft fernzuhalten, wurde am Rhein die Notbremse gezogen. Wallmann ließ die heiße Fracht – zwecks strengerer Überwachung – zunächst einmal auf Abstellgleise rangieren. Seitdem warten 252 Waggons mit dem in 25-Kilo-Säcken verpackten Pulver bei der Bundeswehr in Meppen im Emsland und in Feldkirchen bei Straubing auf Entsorgung. Dafür soll nun der Bund, das heißt der Steuerzahler, mindestens vierzig Millionen Mark aufbringen.

Immerhin ist es ein weltweit einmaliges Projekt. Nach einem von dem Hannoveraner Professor Franz Roiner entwickelten Verfahren namens Ionen-Tausch soll die Molke vom Cäsium ganz einfach freigewaschen werden. Als Standort für das Vorhaben erschien den Bonner Umweltpolitikern das stillgelegte Kernkraftwerk in Lingen als besonders günstig – in „rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht“, wie es heißt. Dort soll von Januar an voraussichtlich für eineinhalb Jahre gesäubert werden. Der Wissenschaftler aus Hannover meldete bereits Patentansprüche für das Verfahren an.

Den lukrativen Entsorgungsauftrag übernahm die Würzburger Noell GmbH, eine Tochter des Salzgitter-Konzerns. Firmensprecher und Projektleiter Klaus Kluge bestreitet selbstverständlich, daß Noell sich dabei eine goldene Nase verdient: „Wir haben schließlich eine Menge Forschungs- und Entwicklungsarbeit leisten müssen.“ Freilich muß Bonn dem Unternehmen allein für die Apparatur im umgerüsteten ehemaligen Maschinenhaus des Kernkraftwerks neun Millionen Mark hinblättern – ohne zu wissen, ob es die Anlage später wieder zu angemessenem Preis verkaufen kann.