Von Ulrich Herrmann

Als Gott die Welt erschaffen wollte, grub er ein Loch in die Erde und formte aus Lehm zwei Menschenstämme, dem einen gab er die Jagd, dem anderen die Landwirtschaft. Dann fand er noch ein drittes Häuflein Lehm. Gedankenverloren und ratlos stand er vor seinem unvollendeten Werk. Schließlich übertrug er diesem letzten, vergessenen Menschengeschlecht die traurigste aller Aufgaben: über andere Menschen zu herrschen.

Vor gut fünfzig Jahren begegnete der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss einem brasilianischen Indianermädchen, das ihm so die Macht ihrer Vorfahren, der Mbaya-Indianer, erklärte. Körper und Gesicht des Mädchens waren von seltsamen Bildern übersät, die sanft mit einem Bambusspachtel aufgetragen waren. Neugierig erkundigte sich Lévi-Strauss nach der Herkunft der Symbole. Die Mbaya-Frauen, so wurde ihm erklärt, dürften zwar mit den Männern der beiden unterdrückten Volksstämme schlafen, aber keine Kinder von ihnen empfangen. Ihre Gefühle, Trauer und Sehnsucht, drückten die Mbaya-Frauen in Körperbildern aus. Sie zogen eine scharfe Linie von der Stirn über den Nasenrücken, das Kinn, die Brüste bis zu ihrem Schoß. Auf ihrer Körperfläche herrschte ein unentwirrbares Muster von Arabesken, Spiralen und Rauten, Kreisen und Rechtecken.

Auf Dianas linkem Oberschenkel spielt sich ein zärtlicher Zweikampf zwischen Blume und Tier ab. Möchte sie lieber Tiger oder Rose sein? Diana ist Kundin bei "Temptu", einem Atelier für Körpermalerei in Tribeca, einem alten Lagerhallenviertel an der Südwestspitze von Manhattan. Diana ist nervös, denn in einer halben Stunde hat sie einen Vorsprechtermin für eine kleine Videoproduktion. Sie möchte "tough", stark und widerstandsfähig wirken. Kaum gesagt, ist sie auch schon über das langgestreckte Treppenhaus davongeeilt, weggetaucht auf der Straße ihrer Träume.

Temptu ist die Kurzform von "Temporary Tattoo": Tätowierungen, die vergänglich sind. Mit Hilfe von Seidensiebdrucken werden samtweiche Papierbögen hergestellt, die die Umrisse des Motivs abbilden. Sie werden mit Alkohol auf die Haut übertragen und anschließend bemalt. Das Ergebnis ist einer echten Tätowierung täuschend ähnlich, doch nach wenigen Tagen beginnt es zu verblassen. Samuel Zuckerman, Kosmetikwissenschaftler bei Estée Lauder, hat die chemische Zusammensetzung von Tinte und Farben entwickelt, sein Sohn Roy und dessen Partner David Chalk vermarkten das Ganze. Temptus sind offenbar Teil des großstädtischen Spiels vom Verstecken und Verstellen, Verführen und Verführtwerden geworden. Roy berichtet von Börsenmaklern, die am Wochenende den Jugendtraum des motorisierten Stadtwanderers leben und ihr teures Motorrad nicht ohne entsprechendes Make-up besteigen wollen – einem steinernen Ritter der Neuzeit etwa, aus der Feder des Fantasy-Zeichners Boris Vallejo.

Körperbilder als naiver Ausdruck eines Wechselspiels von Identitäten, echten und angenommenen, gleichen ihren archaischen Vorbildern, und der Abstand zwischen den brasilianischen Urwäldern und den spiegelgepanzerten Wolkenkratzern der Wall Street schrumpft. "Traurige Tropen" hat Lévi-Strauss sein Buch genannt, und David Chalk, ehemals Photograph bei der New York Times, hat es mit Spannung gelesen.

Schlagartig bekannt wurde sein Studio, als es lebende Modepuppen in die Schaufenster des Kaufhauses Bloomingdales stellte, die schenkelaufwärts mit Feen und Einhörnern, feuerspeienden Drachen und krallenbewaffneten Schmetterlingen bemalt waren. Schon bald folgten Werbeaufträge von Bierbrauereien und Autoherstellern. Die New Yorker Diskothek "Studio 54" lockte Kunden mit tätowierten Vortänzern. "Miami Vice" bestellte Temptus zur milieugerechten Illustration, als eine japanische Gangsterbande die Drogenszene Floridas infiltrieren sollte.