Drei Bände, zwei davori je ein dreivierteltausend Seiten dick, finanziert durch das schwäbische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die Stadt Biberach an der Riß, eine Stiftung der Württembergischen Hypothekenbank und eine "Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften": "Christoph Martin Wieland, Leben und Werk. Aus zeitgenössischen Quellen chronologisch dargestellt" von Thomas Starnes. Dank sei ihm, und auch die genannten Finanziers sollten ihm danken, daß er ihnen erlaubte, ihr Geld so gut anzulegen. Der erste Band beginnt mit dem 5. September 1733, Wielands Geburtstag, der dritte endet mit dem Eintrag ins Totenbuch der Stadtkirche Weimar über Tod, Beerdigung und Totenfeier am 26. Januar 1813, und begleitet dazwischen Wielands Leben von Tag zu Tag, soweit über diese Tage etwas überliefert ist. Daß ein solches Werk, ist es einmal da, für den Fachmann ein unentbehrliches Hilfsmittel wird, bedarf der Hervorhebung nicht. Aber was wäre anderen zu sagen?

Nun, den Bedarf an Weimarer Anekdoten hat man schon vorher stillen können. Wenn ich auch durchaus gestehe, daß es mir stets Vergnügen bereitet, wenn ich etwas wie das Urteil Wielands über Voß als Ovid Übersetzer lese: der sei ein "eigensinniger, bocksbeiniger, mit hamburger Rindfleisch gestopfter Querkopf"; wunderbar auch, die Irritation eines Besuchers nachkosten zu dürfen, der von Wieland zu hören bekommt: "Ich bin kein Freund von neuen Bekanntschaften und am wenigsten von Bekanntschaften mit Leuten, die mir durchaus unbekannt sind. Ich kenne Sie nicht Und wer es bisher nicht aus Böttigers "Literarische Zustände und Zeitgenossen" kannte, findet nun unter dem Datum vom 26. November 1795, woher das berüchtigte Diktum Arno Schmidts über Goethes Prosa, sie sei eine "Rumpelkiste", stammt — von Wieland: "Beim Ende des zweiten Bandes des Wilhelm Meister hoffte Goethe mit vier Bänden auszukommen. Jetzt spricht er schon von fünf Bänden. Die vier Friedrichsdor pro Bogen schmecken so gut, daß noch sechs oder acht Bände daraus werden können. Die Geständnisse der schönen Seele, welche die größte Hälfte des dritten Bandes ausmachen, sind von einer verstorbenen Dame, die Goethe nur nach seiner Art zuschnitt. Man sieht ihnen das Fremdartige auf jedem Worte an. Es fehlt eben Goethe am Manuscript. Das ganze Buch hat dadurch schon eine auffallende Ungleichheit, daß morceaux aus ganz verschiedenen Perioden Goethes darin sind. Überhaupt arbeitet Goethe so, daß er Stücke einzeln ausarbeitet und sie sehr lose zusammenhängt "

Nicht daß ich Starnes Werk dem empfehlen möchte, dem es um abschätzige Urteile über Wielands Zeitgenossen zu tun ist. Aber es eignet sich das letztere Zitat gut zum Apropos — Starnes Wieland Chronologie wäre vor Jahren wohl nur in den sogenannten Fachkreisen gewürdigt worden, heute findet sie über diese hinaus Beachtung, und dies erlaubt, von einer Wieland Renaissance zu sprechen, für die im deutschen Sprachbereich kaum einer so viel getan hat wie Arno Schmidt, in dessen Funk Essay "Wieland oder die Prosaformen" er ihn einen Mann nennt, "durch dessen Schreibtisch wir Schriftsteller unsern ersten Meridian ziehen müßten".

Es heißt in diesem Essay zu Beginn: "Wieland? —: Hm —: Ein berühmtei: Name, gewiß; aber wie ich gestehen muß, mir nur eine Schattengestalt. Die Literaturgeschichte — die alte Jungfer mit der spitzen roten Nase, und den falschen schwarzen Locken, steif und brüchig, wie abgebrannte Streichhölzer — hat ihn doch längst so endgültig abgetan — und das war, zur Zeit der Abfassung dieses Essays eine durchaus berechtigte Einschätzung der Lage. Jetzt hat sich ein Reprint der Werkausgabe letzter Hand über zehntausendmal verkauft, der Roman "Peregrinus Proteus", zuletzt 1902 als Hempels Klassiker erschienen, ist in zwei Ausgaben auf dem Markt (bei Beck und bei Greno); zum ersten Mal gibt es eine Sammlung von Wielands politischen Schriften (bei Greno), der Klassiker Verlag wirbt für seine Wieland Auswahl Edition besonders damit, daß in ihr endlich der letzte große Roman "Aristipp und einige seiner Zeitgenossen" wieder aufgelegt werde. Kennengelernt habe ich Wieland früh, durch Zufall, wie das nach Lage der Dinge nicht anders sein kann. Dankbar muß ich Friedrich Dürrenmatt sein, dessen Hörspiel "Prozeß um des Esels Schatten" ich mit zwölf Jahren las, und vor allem die Unterzeile: "nach Wieland, aber nicht sehr". Wichtiger noch als wirklich belesene Eltern, die man doch nicht hat, sind in der Regel freundliche Buchhandlungen, und so kam ich dann mit der Reclam Ausgabe der "Geschichte der Abderiten" nach Hause. Gefallen hat mir das Buch damals, tja, "irgendwie", bin ich versucht zu sagen, aber ich war natürlich zu jung. Es gibt Bücher, die einem gewisse Erfahrungen ersparen können, und es gibt solche, die man ohne die entsprechenden nicht zureichend versteht. Heute, nach ein paar eigenen Erfahrungen im und mit dem Groß Abdera Hamburg, weiß ich, was ich früher als Satire zu schätzen meinte, als realistischen Roman zu würdigen. Viel später dann der Erwerb einer Gesamtausgabe (Antiquariat) und das Aufnehmen des Schmidtschen Hinweises auf das Spätwerk, vor allem auf den "Aristipp".

Gegen Ende meines Studiums machte ich mir das, zugegeben billige, Vergnügen, Leuten nachzuweisen, daß sie Wieland nicht kannten. Billig — denn ich wußte ja vorher, was rauskommen würde, und es war schließlich von einem durchschnittlichen Philosophie Professor zuviel verlangt, gegen die Regeln seines Faches zu denken, und einen Dichter auch philosophisch ernstzunehmen. Bei den Literaturwissenschaftlern war das natürlich etwas anderes, aber auch da muß man zugestehen, daß es eben anstrengend ist, gegen die eigenen Tradition, die Literaturgeschichte zu lesen. Für alle sei hier nur Hans Mayer genannt, dem folgendes passiert ist:

In seinem neuesten Buch, "Die umerzogene Literatur. Deutsche Schriftsteller und Bücher 1945 1967", in dem sich auch ein Beitrag über Arno Schmidt findet, geht Hans Mayer auf die in der frühen Erzählung "Enthymesis" anachronistisch verschlüsselten Bücher ein. Er zitiert den Auswahlband mit "dem Wassergeist, der Vogelscheuche, der goldenen Amphora, dem Agathodämon und der vierfachen Mandragora" — was er richtig entziffert als "Undine", Tiecks "Vogelscheuche", Hoffmanns "Goldener Topf" und Schopenhauers Abhandlung über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grund. Was aber, so schreibt Hans Mayer, "ist gemeint mit dem Agathodämon?" Als ich das las, kam mir der Gedanke, Schmidt könne es auf diese Pointe angelegt haben: daß ein Literaturwissenschaftler hinter alle Verschüsselungen kommt, nur hinter die nicht, die, wiewohl griechisch, gar keine ist. Gemeint ist mit dem "Agathodämon" der Roman Wielands, der eben diesen Titel trägt. Aber daß die Falle nun ausgerechnet zuschnappen mußte, als Hans Mayer in sie trat, dem zu Arno Schmidt "stickige Enge und Unglück im Winkel" einfiel, ist beinahe ein wenig unheimlich.

Daß so etwas einem passiert, dem man Bildungsvoraussetzungen ja nun nicht gut absprechen kann, ist bezeichnend. Bezeichnend nämlich dafür, daß die Kenntnis Wielands eben nicht zu dem, was man die bürgerliche Allgemeinbildung nennt, gehört, und auch nicht zu dem, was herauskommt, wenn man im Sinne des so bezeichneten Wissenskanons sich Belesenheit erwirbt. Deshalb erleben wir im Falle Wielands das merkwürdige Phänomen, daß der vielbeklagte Verfall der "Allgemeinbildung" die Neuentdeckung Wielands begünstigt. Es definiert ja ein Bildungskanon die Nähe eines Autors zu seinen Lesern. Autoren, die zum Kanon gehören, sind, so der phrasenhafte Ausdruck des Sachverhalts, "immer noch gültig", haben "bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren", und man kann sie zitieren. Autoren, die nicht zum Kanon gehören, sind allenfalls "Vorläufer", "Epigonen" oder sonstwie zweitrangig. Die Zugehörigkeit zu einem Kanon definiert die Qualität eines Autors mit der Begründung, er gehöre aus Qualitätsgründen zum Kanon. Wenn — aus was für Gründen auch immer — ein Bildungskanon keine Verbindlichkeit mehr aufweist, verlieren nicht nur seine Ge, sondern auch seine Verbote an Kraft. Es nimmt die Kenntnis der kanonisierten Literaur ab (was fast stets zu bedauern ist), aber auch die durch ihn festgehaltenen Vor Urteile werden zunehmend unbekannt. Autoren, die früher ganz selbstverständlich "unser" waren, sind nun in jene Ferne gerückt, in der die Autoren, die nicht zum Kanon gehörten, immer waren. Wieland ist "uns" nicht mehr ferner als Goethe oder Heine. Es bedarf keiner größeren Anstrengung, Wieland (oder Moritz oder Wezel oder Thümmel) zu lesen als einen Kanon Klassiker.